Kapitel 11
Wie schon erwähnt, war es eine richtig schwierige Sache als Videofilmer und/oder Kameramann, ohne langjährige Beziehungen, in New York überhaupt an Geldverdienen zu denken. Die unendliche Menge, der unbeantworteten Emails machten mir tatsächlich keinerlei Mut hinsichtlich einer kometenhaften Karriere in diesem Bereich.
Nachdem ich die Emails in gutem, weil aus anderen Emails abgeschriebenem, Englisch verfasst hatte, konnte es daran nicht liegen. Ansonsten hatte ich außerdem nach und nach jeden Ratgeber im Internet über das Schreiben erfolgreicher Emails gelesen und es hatte einfach nichts genützt. Das Internet ist eben auch nicht mehr die absolute Quelle der Wahrheit… 😉
Auch meine Website war und ist definitiv auf einem professionellen Level und verspricht beste Qualität zu besten Preisen. Wer sie sich mal anschauen will und das weiter oben noch nicht getan hat, darf sehr gerne vidFame.com anklicken. Habe ich das nicht doch schon irgendwo geschrieben!? 😉
Einen kleinen Lichtblick hatte ich mir dann in den zurück liegenden Tagen tatsächlich erarbeitet, indem ich meine Videos auf einer Website für Models (http://www.modelmayhem.com) veröffentlichte und sehr positive Rückmeldung dafür bekam.
Gut, heutzutage ist es ja so, es gibt massenhaft solcher Business-Networking-Plattformen, d.h. Webseiten auf denen sich angeblich Professionelle ihres Metiers treffen und gemeinsam ganz tolle, weltbewegende Projekte auf die Beine stellen. Bei einer Model-Website passt das mit den Beinen ja sogar irgendwie…
Leider gibt es aber in der Realität auf diesen Plattformen wenig echte Jobs, um die sich dann hunderte, kurz vor dem Rauswurf aus Ihrer Wohnung stehende, furchtbar erfolgreiche Profis bewerben, streiten oder auch raufen, wie ein Rudel ausgehungerter Wölfe. Ja, ich weiß schon, weiter oben habe ich uns Menschen mit Ameisen verglichen, jetzt mit Wölfen. Ja was denn nun?
Tatsächlich bin ich mir nach meiner New York Erfahrung ziemlich sicher, dass wir Menschen, hässliche, ameisenhafte Heuschrecken mit den Instinkten und Beißwerkzeugen von Wölfen und der Intelligenz einer Wassermelone sind. Das ist doch ein richtig schönes Bild – oder? 😉
Mit Ausnahme der Models natürlich, die sehen wenigstens gut dabei aus!
In jedem Fall hatte ich auf ModelMayhem, was man übrigens recht makaber auch mit Model Zerstückelung übersetzen kann, aber in diesem Fall eher Model-Chaos heißen dürfte, ein paar Kontakte angeschubst, die tatsächlich mit mir zusammen arbeiten wollten.
Geld spielte bei diesen Produktionen glücklicherweise überhaupt gar keine Rolle, d.h. es stand einfach keins zur Verfügung!
Aber ich wollte jetzt unbedingt mal für meine New Yorker Reputation irgendwas auf die hübschen Modelbeine stellen und hatte mich insofern bereit erklärt, den Photoshoot eines talentierten Fotografen (Lee Cypress) zu filmen, der immerhin zwei hübsche Models mit recht extravaganten (teilweise durchsichtigen) Kleidern ablichten würde.
Eines der Models war außerdem schon irgendwann in der Serie „America’s Next Top Model“, ja, der Sendung mit Heidi Klum (**), wegen ihres angeblich zu dicken Hinterns, in die Modelwüste geschickt worden.
Das war natürlich ein starkes Argument. Models, die schon in ANTM (Abkürzung!) aufgetreten waren, sind zumindest so was wie C oder vielleicht auch D-Promis. Wo genau hört eigentlich das Alphabet für den Promi-Status auf? 😉
Endlich konnte ich also mal etwas wirklich unheimlich Weltbewegendes, wie den Po eines Models, filmen.
Der Name des Models war übrigens Jessie Rabideau, die ja auch in Europa absolut jeder kennen dürfte – oder eben auch nicht. Die andere hieß Amy Roiland und war eine hübsche Dunkelhaarige, die mit dem ANTM Model gemeinsam, durch die noch nie dagewesene, verblüffende Idee der Gründung eines Mode-Labels (mit Namen „Mod Dolls“, man beachte das Wortspiel…), die USA erobern wollte.
Als Kris und ich in Greenpoint-Brooklyn das Lagerhaus suchten, in dem dieses einschneidende Ereignis meiner Berufslaufbahn stattfinden sollte, war uns schon ein wenig mulmig zu mute. Wir waren mit der Subway gefahren und wollten den Rest des Weges zu Fuß zurück legen. Es wäre ja auch irgendwie bescheuert, zu einem Gratis-Job mit dem Taxi zu fahren, um das Geld auszugeben, das man dann so oder so nicht verdient.
Dummerweise sah die Gegend aber alles andere als einladend aus. Jede Menge heruntergekommener Gebäude, in denen uns garantiert niemals jemand finden würde, wenn uns eine Street-Gang oder ein Drogenjunkie gleich um die Ecke bringen sollte. Beflügelt wurden unsere gruseligen Vorstellungen durch die vielen New Yorker Krimiserien, die wir in Deutschland sehr gerne angesehen hatten. Wir trauten uns noch nicht einmal dort irgendwelche Fotos zu machen, weil wir Angst hatten unser recht teures Equipment aus der Kameratasche zu holen.
Als wir an der vereinbarten Adresse ankamen, dachten wir tatsächlich zuerst, an einen Schreibfehler in der Email des Fotografen. Wir fanden noch nicht einmal einen regulären Eingang. An einer Stelle gab es aber eine Laderampe und daneben hing so eine halbdurchsichtige Plastikplane hinter der wir einen Eingang vermuteten. Aber sollten wir uns da wirklich hinein trauen? Wir bekamen ja noch nicht einmal ein Taschengeld für unseren ziemlich außergewöhnlichen Mut.
Nach etwas Diskussion darüber, ob wir unser Leben in Brooklyn beenden wollten, wagten wir es schließlich doch. Langsam und vorsichtig bewegten wir die Plane beiseite und hofften inständig, dass uns keine DOOM Monster entgegen kommen würden. Dummerweise hatte ich auch meine Kettensäge zu Hause vergessen, ohne die ich sonst nie aus dem Haus gehe, seitdem wir das Spiel damals in Deutschland vertrieben und nächtelang gespielt haben.
Und… hinter der Plane sah es plötzlich gar nicht mehr so schlimm aus. Irgendwie fast wie ein etwas marodes, aber normales Büro-Gebäude. Es war zwar niemand zu sehen, aber wir bewegten uns jetzt etwas entschlossener vorwärts. DOOM Monster hin oder her, ein Mann muss tun, was ein Mann eben tun muss. Die Models warteten bestimmt schon auf mich (und äh… Kris)… 🙂
Nach der unverletzten Überwindung einiger weiteren Meter, in den etwas verwinkelten Gängen, sahen wir dann plötzlich unsere Truppe.
Nein, ich habe sie wirklich nicht am Hintern erkannt. So groß fand ich den auch gar nicht. Wie immer, war das wahrscheinlich nur eine totale mediale Übertreibung einer amerikanischen TV-Show. Sicherlich brauchte Heidi Klum (**) mal wieder einen spannenden Grund, jemanden aus der Show zu werfen, damit alle was zu schreiben und zu quatschen hatten.
Da standen wir also, die beiden Models, eine Visagistin, die man in den USA „Make-up Artist“ nennt, eine Hair Stylistin (einfach nur Friseuse auf Deutsch), der Fotograf Lee, Kris und ich – und warteten unbezahlterweise in dieser interessanten Lagerhalle in Brooklyn auf das Öffnen der Tür zum Studio. Als der nette Vermieter diese ominöse Tür dann nach einigen Minuten und dem üblichen, ziemlich sinnlosen, Smalltalk öffnete, waren wir einigermaßen positiv überrascht.
Es sah tatsächlich irgendwie nach einem richtigen Studio aus – mit Beleuchtung und Schminkecke und jeder Menge Platz. Natürlich musste der Fotograf das Studio bezahlen, aber es kostete nur $25 pro Stunde und das war offensichtlich noch im Rahmen des Budgets. Außerdem sind $25, für ein Studio in New York, gefühlt ungefähr so teuer wie ein Wasser-Eis in Deutschland, d.h. extremst billig.

Um das hier vielleicht auch mal erklärt zu haben, weil sich ja nicht jeder seine Zeit mit dem Fotografieren und Filmen von hübschen Mädels (oder „Models“…) vertreibt. Ein ziemlich großer Teil dieser Branche arbeitet tatsächlich mehr oder weniger kostenlos auf Gegenseitigkeit – oder im besten Fall für eine Minigage.
Das heißt der Fotograf macht, – ohne – den Auftrag eines zahlenden Kunden, hübsche Bilder, die er dann dem Model kostenlos zur Verfügung stellt.
Das Model kann daraufhin, mit einer Million anderer Models, zu einem Magazin oder einem Fashion-Designer gehen und versuchen, einen Job zu ergattern, bei dem es vielleicht mehr als nur ein paar Bilder und eine Flasche Wasser als „Bezahlung“ gibt.
Wenn man insofern aus solchen Shoots (Nein, es heißt nicht „Shootings“, wie wir in Deutschland glauben) ganz viele tolle Bilder generiert, erhöht man seine Chancen, so reich und berühmt wie Naomi Campbell zu werden, tatsächlich erheblich.
Nach meiner gründlichen Recherche steigt die Berühmtheitsquote, pro ungefähr tausend toller und kreativer Bilder, um die recht exakte Zahl von eins zu einer Million. Anders ausgedrückt, man macht einfach ungefähr eine Milliarde fantastischer Bilder und schon ist man mehr oder weniger über Nacht furchtbar berühmt, wie Jessie Rabideau aus ANTM eben.
In jedem Fall verlief der Shoot tatsächlich sehr professionell und wir hatten alle zusammen eine Menge Spaß. Jessie und Amy, die beiden Models, waren sehr nett und hatten überhaupt nichts, was nicht zu ihrem Körper gepasst hätte.
Das Video (siehe nachfolgend), das ich dann nach zwei Wochen ablieferte, generierte tatsächlich viele Likes und viele Views und eine relativ große Nachfrage nach weiteren, dieser doch ziemlich professionellen und nichts kostenden Null-Komma-Null-Budget-Videos.
Natürlich reizt es einen schon ein wenig, aus „rein professioneller“ Sicht, wenn man plötzlich jede Menge Anfragen von „Models“ bekommt, die sich auf den zugeschickten Bildern mit ziemlich wenig Kleidung lasziv auf einem Teppich räkeln. Dummerweise kommen dabei einige sogar noch auf die Idee, dafür bezahlt werden zu wollen, d.h. ich sollte sie dafür bezahlen, dass ich für sie ein Video machen darf. Die Bezahlung steigt dabei interessanterweise umgekehrt proportional zum Bekleidungsgrad der Mädchen, d.h. nix an = richtig teuer.
Aber das geht dann doch irgendwie zu weit… schließlich wollte ich ja für MEINE Arbeit bezahlt werden und zwar in positiven Dollarnoten und nicht etwa nur durch das Ansehen blanker Brüste.
Da die amerikanische Gesellschaft aber, gerade für uns Europäer, wirklich ausgesprochen prüde daherkommt und schon die Worte „nackte Brüste“ den meisten Amerikanern die Schamesröte ins Gesicht treiben, ist „Nackte Videos gegen Geld“ hier drüben doch eine künstlerisch wertvolle Beschäftigung.
Aber eben nicht für mich. Ich wollte ja endlich einen Frank-Sinatra-Gedächtnismoment, andere nennen es „Geld verdienen“, erleben und hoffte inständig, dass das irgendwann auch passieren würde.
Ich war vielleicht einfach zu ungeduldig, wir lebten ja „erst“ 5 Monate in New York City.
Aber meine Zeit sollte kommen, nur eben nicht ganz so schnell…
(**) – PS: Ein Leser hat mich gerade darauf aufmerksam gemacht, dass nicht Heidi Klum „America’s Next Top Model“ moderiert, sondern Tyra Banks. Das ist korrekt! Tatsächlich habe ich die TV-Show in den USA noch nie gesehen. Heidi Klum moderiert im amerikanischen Fernsehen jedoch eine sehr ähnliche Show namens „Project Runway“. Jessie Rabideau war aber, wie geschrieben, als Model-Kandidatin in ANTM Cycle 19 (Staffel 19) zu sehen.
Amüsanterweise schließt sich hier aber ein für mich wirklich sehr lustiger Kreis. Mit Tyra Banks bin ich nämlich in den zwei Jahren in New York bestimmt 10 mal im Aufzug gefahren. Wie es dazu kam, werde ich aber erst im entsprechenden Kapitel („Mit Leo, Dave, Tyra und Doutzen im Aufzug“) verraten… 🙂
Ende von Kapitel 11
Speed – Omas müssen sterben - Kapitel 10- Kapitelübersicht -Gratis aber umsonst! - Kapitel 12
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Hi Wolfgang,
ich lese deine, bzw. eure Erfahrungen echt gerne. Toll das alles mal zu hören. Meist hört man ja immer nur das alles perfekt läuft und alles ganz easy ist 😉
Die Klums Heidi macht nur die Model Show in Deutschland. Ich glaube in den Staaten macht das Tyra Banks.
Freu mich schon wenn es ein neues Kapitel gibt.
Gruss Oliver
Hallo Oliver, Du hast vollkommen Recht! Ich habe die entsprechende Stelle im Kapitel mit (**) versehen und im PS richtig gestellt! Mit Tyra Banks schließt sich ein Kreis für mich, der mich heute morgen schon richtig heftig zum Lachen gebracht hat. Davon mehr in einem späteren Kapitel!
Wolfgang, ich lese Deine Geschichte sehr, sehr gerne und warte gespannt auf die naechsten Kapitel. Danke fuer das Teilen!
Freut mich, dass es Dir gefällt Brigitte!
Hi Wolfgang,
als riesiger USA Fan (wir waren erst dieses Jahr im Mai in NYC) folge ich mit großer Freude deinen Berichten – zu Beginn habe ich einfach die Posts gelesen und nicht geschaut, dass es hier auch einen Filmerbackground gibt. Meine Webseite und eMail verrät mich ja und spät. als ich FCPX als Vorschaubild hier gesehen hatte war es dann um mich geschehen. Sehr sympathisch, eine tolle Schreibart und schöne Videos! Das wollte ich einfach mal loswerden 😉
Liebe Grüße aus dem herbstlichen Ruhrgebiet – Daniel
Vielen Dank, Daniel! Deine Website und Arbeit gefällt mir auch sehr gut. Hab‘ sie mir gerade mal kurz angesehen. LG aus dem sonnigen Miami Wolfgang
Wunderbar geschrieben. Muss nun aber mal schlafen gehen, da morgen arbeiten ansteht. War so fasziniert, dass es inzwischen 2:33 Uhr geworden ist. Morgen geht es weiter. Einfach toll.
LG
Diana aus dem verregneten Lipperland (Detmold)
Hallo Diana,
Freut mich sehr, dass ich Dir den Schlaf raube… das war genau meine Absicht! 😉
LG
Wolfgang aus dem bewölkten Miami (Aventura)