Die Verrückten von New York

New Yorker Leben unter der Erde

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Kapitel 35

Von der durch geknallten Kanufahrerin, die ganz New York auf den Wasserstraßen wieder zum Hupen brachte, habe ich ja schon erzählt. Natürlich gibt es in Städten, die niemals schlafen, noch viel mehr Verrückte aller Art, weil Schlafentzug aus vielen Menschen so etwas wie wandelnde Zombies macht. Ich spreche da aus ureigener Erfahrung. Leser mit mehr als einem zuckersüßen Nachträuber (= Kind) wissen ganz sicher was ich meine. Deshalb möchte ich auch jeden jüngeren Leser eindringlich bitten, sich genau zu überlegen, ob sich die Menschheit weiterhin unaufhörlich vermehren sollte… 😉

Seit New York weiß ich für mich, dass das überhaupt keinen Sinn macht. Wie schon festgestellt, kämpfen dort viel zu viele von uns Menschenkindern, um die wenigen vorhandenen wichtigen Ressourcen, wie z.B. lebensnotwendige Tennisplätze.

Überall Regeln
Der Ort so manches brutalen Kampfes

Meine „normalen“ Tennisfreunde, mit denen ich dort regelmäßig spielte, waren glücklicherweise psychisch relativ normal. Hin und wieder traf ich mich aber auch mit Brian, der mich, wie einige andere, irgendwann angesprochen hatte, ob ich nicht mal Lust hätte, mit ihm Tennis zu spielen.

Brian, sah ein wenig aus, wie eine besser rasierte Version von Catweazel, für den Fall, dass sich noch jemand an diesen lustigen Kauz aus den frühen Tagen des Fernsehen erinnert. Außerdem war er Künstler und Musiker und hatte wohl schon für diverse TV-Stationen Musik komponiert und aufgenommen.

Eines Tages spielten wir also mal wieder Tennis zusammen und versuchten uns gegenseitig den gelben Filzball um die Ohren zu hauen. Meine regelmäßigen Spielpartner waren ja Fabian und Karen, die beide viel Spaß daran hatten, dass ich mehr oder weniger erfolgreich versuchte, sie über den Platz zu jagen. Brian hatte daran auch Spaß, so dachte ich jedenfalls! Normalerweise bin ich auch der Typ, der zwischendrin mal fragt, ob beim Spielpartner alles in Ordnung ist. In jedem Fall bewegten wir uns an diesem Tag recht heftig und schwitzten beide, wie es sich für richtige Tennisspieler gehört, unsere T-Shirts ganz schön durch.

Wir jagten uns, im wahrsten Sinne des Wortes, gegenseitig von links nach rechts und von rechts nach links – und zum Schluss machte ich immer den Punkt. 😉 „Des ghört so“ wie man bei uns dahoim sagt… Ich kann mich, wie hoffentlich schon mal in diesem Buch erwähnt…, immer noch recht ordentlich auf dem Tennisplatz bewegen.

Also ließ ich Brian laufen und schwitzen und keuchen und hecheln, wie ein richtiger Tennis- oder Hundetrainer eben… 😉 Was dann passierte, habe ich noch heute in meinem Kopf, wie wenn es gerade Gestern gewesen wäre.

Ich spielte mit genügend „Schmackes“ auf seine Vorhand, er war Rechtshänder wie ich. Er spielte „cross court“ (diagonal) zurück auf meine Vorhand, worauf ich den Ball „long line“ (gerade) auf seine Rückhand platzierte. Seine Antwort kam mit recht viel „Speed“ auf meine Rückhand, während er ans Netz stürmte und offensichtlich einen Volley (Flugball) spielen wollte. Ich erwiderte mit einem ordentlichen Lob, also einem Ball der über ihn flog, den er aber leider nicht zu treffen in der Lage war. Dafür gab es zwei Gründe… Zum einen war mein Lob gut platziert und landete auf seiner Rückhandseite in der rechten hinteren Ecke des Felds und zum anderen hatte er die Sonne im Gesicht… 😉

Für alle Nicht-Tennisspieler hier die Kurzfassung: Ich zeigte ihm mit ein paar geschickten Schlägerbewegungen, dass ich den Ball immer noch ganz gut treffen kann…

Genau in dem Moment als der Ball dann auf dem Boden aufkam, explodierte Brian wie eine 200 Megatonnen-Bombe aus dem zweiten Weltkrieg. Er beschimpfte mich augenblicklich auf’s Übelste und verwendete Schimpfwörter, die ich bis zu diesem Zeitpunkte noch nie aus dem Mund eines Amerikaners gehört hatte. „You fucking asshole“ (Muss ich das übersetzen?) war dabei noch einer der harmloseren Ausdrücke… und er sprach die bösen Worte sogar komplett aus. Anscheinend schliefen die verantwortlichen Tontechniker von der göttlichen Reality-TV-Gesellschaft gerade, weil die Worte klar und deutlich zu verstehen waren und nicht durch einen Piepton überdeckt wurden… 😉

Ich war einigermaßen geschockt und ließ ihn sich erstmal „auskotzen“. Irgendwie war er der Meinung, dass ich einen Riesenspaß daran hätte, ihn fertig zu machen und zu erniedrigen. Nachdem er seinen Wutanfall ordentlich durchlebt hatte, versuchte ich ihm zu erklären, dass es beim Tennis doch eher ein normaler Vorgang sei Bälle zu schlagen, die der andere nicht so einfach bekommt. Mir würde es ja auch Spaß machen, wenn er schwierige Bälle schlagen würde und meine anderen Tennispartner hätten sich darüber noch nie beschwert. Ganz im Gegenteil!

Er war aber der Meinung und blieb auch dabei, dass ich ihn persönlich erniedrigen wollte. Es gelang mir nicht, ihm das auszureden, obwohl ich ganz ernsthaft und behutsam versuchte ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ihn eigentlich sehr nett gefunden. Nach ein paar Minuten hin und her versteifte er sich außerdem darauf, dass er jetzt sofort ein Punktespiel gegen mich spielen wolle, dann würden wir ja sehen, wer der Bessere sei.

„Überhaupt gar keine gute Idee!!“ dachte ich, aber er hatte sich schon zum finalen Duell aufgestellt und den Schläger in Angriffsposition… Wir spielten einen sogenannten Match-Tie-Break bis 11 bei dem jeder Punkt als einzelner Punkt gezählt wird.

Was soll ich sagen… Ich gewann 11:1, auch weil mein Aufschlag an diesem Tag sehr gut funktionierte. Nein, ich wollte ihn nicht einfach gewinnen lassen! Erstens merkt man das und zweitens dachte ich gar nicht daran, nachdem was ich mir vorher anhören musste. Direkt nach dem Spiel packte er daraufhin seine Sachen und verließ, grimmig vor sich hin stierend, den Tennisplatz.

So ist das also, wenn der New Yorker Frust durchkommt, erzählte ich Kris zu Hause. Der nette Brian, der ganz plötzlich seiner, wahrscheinlich aus ganz anderen Gründen, verletzten Seele, komplett freien Lauf lies.

Scheidung in New York
Wer mal schnell ’ne Scheidung braucht…

Schlummerte das in Wirklichkeit unter der Oberfläche der wahnsinnig netten und höflichen New Yorker? War die ganze positive Freundlichkeit vielleicht nur ein Ablenkungsmanöver, um im entscheidenden, unbeobachteten Moment grausam und unnachgiebig zuzuschlagen? Oder war es einfach nur „normale“ Aggressions-Kompensation, bedingt durch die tägliche Hektik, den Stress – und die ganze Enttäuschung, die man auf der Jagd nach Geld und Anerkennung in der Stadt, der unendlichen Talente, regelmäßig erlebte?

Soweit ich auch zurück dachte, also ungefähr bis zum Anbringen der Malereien in der Höhle von Altamira vor ca. 18.000 Jahren, so einen urplötzlichen und heftigen Wutausbruch gegen mich hatte ich noch nie erlebt.

Das sollte aber natürlich nicht der einzige Vorfall bleiben.

Im Zusammenhang mit der sinnlosen Huperei hatte mir nämlich jemand irgendwie dabei geholfen die Presse dafür zu interessieren. Dieser Jemand war, Steven.

Steven war ein Fernsehkommentator, schätzungsweise 40 Jahre alt, den man regelmäßig auf CNN, FOX News und anderen Kanälen als sogenannten Experten für alles Mögliche sehen konnte. Nebenher betrieb Steven noch eine Website, deren Namen ich hier nicht nennen möchte. Nur soviel, sie fängt mit BatteryPark an und hört mit .TV auf… 😉

In jedem Fall betrieb Steven also diese Website um, wie alle anderen New Yorker auch, sich nebenher noch etwas dazu zu verdienen. Eine seiner weiteren Ideen war, New Yorker Restaurant- und sonstige Ladenbesitzer zu filmen und ihr Business in schön geschnittenen Videos vorzustellen.

Und wer sollte diese Videos machen? Natürlich der beste Videofilmer weit und breit, nämlich… ich. Und was sollte ich dafür bekommen? Natürlich… nichts!
Vielleicht später mal, wenn das Ganze erfolgreich werden würde – oder er dabei so viel verdienen würde, dass er mir auch was davon abgeben könnte. Schließlich musste der Mann ja seine Miete bezahlen.

Nö, irgendwie hatte ich da keine so richtige Lust drauf und sah mich auch nicht irgendwie verpflichtet, das zu tun. Leider sah Steven, das völlig anders. Nachdem ich ihm mehrfach mitgeteilt hatte, dass ich gerade wenig Zeit hätte, versuchte er mich unangemeldet zu besuchen. Um das zu erreichen, beschimpfte er unseren Portier, der ihn nicht einfach ins Haus lassen wollte, aufs übelste und zwar so sehr, dass der Portier mich erst anrief, als der vollkommen durchgeknallte Steven wieder weg war, weil er sich absolut nicht vorstellen konnte, dass ich den Herrn wirklich hätte sehen wollen…

Nachfolgend schrieb Steven mir dann bitterböse Emails, gespickt mit lieblichen amerikanischen Schimpfworten, wie ich es nur wagen könnte, für ihn keine kostenlosen Videos drehen und schneiden zu wollen, nach all dem, was er für mich getan hätte…

Das einzige, was er tatsächlich und wirklich getan hatte, war die Story über die hupenden Fähren auf seiner Website zu erwähnen. Die Redakteure, die dann auf mich zukamen, hatten die Geschichte lediglich bei ihm gelesen.
Daraus leitete er nun also das Recht ab, über mich und meine Zeit frei zu verfügen und mich per Mail, telefonisch und an der Frontdesk unseres Gebäudes wild zu beschimpfen.
Im Fernsehen sah er eigentlich immer halbwegs normal aus, aber vielleicht lag das ja auch daran, dass er vorher irgendwelche Beruhigungspillen eingeflösst bekam…

Ich versuchte ein paar Mal auf verschiedenen Wegen, die bei ihm hochgeschlagenen Wogen zu glätten, aber keine Chance. Sobald ich mich meldete, fing er sofort wieder an mich zu beschimpfen. Nachdem ich dann von anderen, teilweise regelrecht konspirativ, weitere wütende Emails zugespielt bekam, die der liebenswürdige Steven an andere Personen geschrieben hatte, ließ ich davon ab, mich mit ihm versöhnen zu wollen.

Noch so ein, durch das geschäftige und geldgierige Leben in der New Yorker Verrücktenstadt, geschädigter Mensch, der wahrscheinlich irgendwann mal, wie alle anderen, als kleines süßes Baby ans New Yorker Tageslicht gekommen war.

Überall Verrückte
Überall verrückte Straßenkünstler

Wenn es das war, was die New Yorker Luft aus einem machte, wollte ich diese wirklich nicht mehr atmen… und ich wollte schon gar nicht, dass meine Kinder sie weiter einatmen würden. Die sollten ja nicht auch so ein durchgedrehter Tennis spielender Video-Filmer werden, wie ich…. 😉 – Und Kris, sollte ihre liebenswürdige Art und ihr sanftes Wesen auch nicht durch diese raue Umgebung verlieren! Habe ich gerade wirklich „sanftes Wesen“ geschrieben? 😉

Nein, eigentlich dachte ich immer noch von mir, dass ich ein freundlicher und sozialer Mensch war und bin, aber diese Angst irgendwann genau solche Psychosen zu entwickeln, gaben mir immer mehr das Gefühl, dass wir hier nicht länger bleiben konnten.

Mindestens einmal die Woche radelte ich außerdem zu den Tennisplätzen am Hudson, in Höhe der 96ten Straße, und lieferte mir dabei Wettrennen mit anderen leistungswilligen Stadtmenschen. Regelmäßig begegnete ich dabei einem Radfahrer in Uniform und Liegerad, der alle paar Meter wahllos irgendwelche Menschen zusammenbrüllte, die dabei beinahe vom Fahrrad fielen. Ich ja nicht, ich war dafür einfach viel zu schnell… 😉

Aber war das Alles gut? War das Alles gesund? Für meine Psyche? Für meine Gesichtsfalten? Für Kris’ Gesichtsfalten? (Was für Falten??) Würde ich jemals wieder einen Lob beim Tennis spielen können, ohne panische Angst vor dem möglicherweise unkontrollierten Wutausbruch meines Spielpartners zu haben?

Gott sei Dank, spielte ich ja auch noch regelmäßig mit Kris, die meistens gar nicht merkte, wenn der Ball über sie hinweg flog… 😉 – Das stimmt natürlich überhaupt gar nicht… das war doch nur ein Witz! (Ich habe das jetzt nicht geschrieben, weil sie dieses Kapitel gleich noch lesen wird. Das war wirklich nur ein Witz!)

New York wurde für mich in jedem Fall, in dieser Zeit, immer mehr zur Stadt der unausgeschlafenen Spinner. Und wer will da schon freiwillig leben? Ich jedenfalls nicht…

Noch mehr Verrückte
Noch mehr Verrückte in der Subway

PS: Ich sah Brian nach seinem Wutausbruch regelmäßig Aufschlag üben und tatsächlich fragte er mich erneut, ob ich mit ihm spielen wollte. Und ja, er wollte wieder um Punkte spielen und ja, ich habe wieder gewonnen… 😉 Eines Tages fand ich dann seinen leeren Ballkorb auf dem Platz und niemand hat ihn je wieder Tennis spielen sehen! – Ganz ehrlich und ernsthaft… DAS wollte ich wirklich nicht erreichen!

Rein in die Stadt der Verrückten - Path Station beim 1WTC
Rein in die Stadt der Verrückten – Path Station beim 1WTC

Ende von Kapitel 35


Dein letzter Wille - Kapitel 34- Kapitelübersicht -Homeless in Washington - Kapitel 36


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2 Kommentar

  1. Am Wochenende war ich in Berlin. Das ist ja zur Zeit auch eine Stadt in der viele Träume gelebt werden wollen. Man muss dort nur mit der S-Bahn fahren um diese Stadt zu fühlen und zu spüren. Es ist wahrscheinlich wie in allen Metropolen dieser Welt, die Faszination des sprudelnden Lebens vermischt sich mit den Farben des täglichen Lebens. Interessant, schön und anstrengend.
    Ich fühle mit dir und warte auf DIE Entscheidung das Leben wieder leichter genießen zu können.
    Viele Grüße, Michaela

    • Ja, DIE Entscheidung kommt tatsächlich bald. Im nächsten Kapitel fahren wir aber erstmal nach Washington D.C. zu Obama… 😉
      Viele Grüße zurück, Wolfgang

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