Dein letzter Wille

My lovely little family

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Kapitel 34

Wie man ja leider aus den bisherigen Kapiteln sehr gut erfahren kann, waren meine wirtschaftlichen Erfolge der Vergangenheit, jetzt irgendwie alle nur noch Vergangenheit.

So manche sternenklare Nacht dachte ich deshalb darüber nach, wie das alles weiter gehen würde und ob es überhaupt weitergehen würde. Das „Feeling“, das ich in New York dabei hatte, unterschied sich leider wesentlich von dem, das ich vor gefühlten Millionen von Lichtjahren mit meinem Jugendfreund Harald durchlebte, als wir im Sommer auf dem Dach der Garage seiner Eltern im Freien übernachteten.

Schon damals fand ich es unendlich faszinierend, dass ein Blick ins Weltall eigentlich ein Blick in die Vergangenheit ist, weil das Licht der Sterne, die wir sehen können, viele tausend Jahre oder noch viel länger durchs Weltall reist, bis es irgendwann auf unsere Netzhaut trifft und dann in unserem Gehirn zu einem beeindruckenden Bild umgewandelt wird. Damals konnte man die Milchstraße übrigens noch problemlos fast jeden Abend am Himmel erkennen und sie wurde noch nicht von so vielen städtischen Lichtern überstrahlt.
Das elektrische Licht war ja auch noch gar nicht erfunden und wir waren an diesem Abend gerade eben von der Dinosaurierjagd zurück gekommen… 😉

Halt, halt! Ich war gerade natürlich von der vegetarischen Tofusaurierjagd zurück gekommen… die Alternative, nur ein Beerensammler gewesen zu sein, passt mir irgendwie nicht in mein heroisches, leicht überhöhtes, vegetarisches Selbstbild… 😉

In jedem Fall fand ich es schon immer unheimlich spannend den Nachthimmel nach interessanten Dingen abzusuchen und dabei über die unendliche Unendlichkeit des Weltalls zu philosophieren. Wie klein und unwichtig wir doch alle sind – im Vergleich zur Größe des Universums oder auch nur unseres Sonnensystems. Beispielsweise passt die Erde in die Sonne rund 1 Million mal. Das muss man sich mal genau vorstellen. Eine Million kleiner Erde-Kügelchen wären gerade ungefähr so groß wie die Sonne…

Die Sonne
Die Sonne von der New Yorker Highline aus gesehen

Harald und ich schauten also ins Universum und dabei in die Vergangenheit. Gleichzeitig machten wir uns, obwohl immer noch Grundschüler, allerlei Gedanken über unser Leben als zukünftige Erwachsene. Wenn man jung ist, denkt man logischerweise sehr viel über die eigene, ganz sicher glorreiche Zukunft nach. Das ganze Leben liegt ja noch vor einem.

Leider ändert sich das mit dem Älterwerden und irgendwann denken viele nur noch über das schon Erlebte nach und erleben nichts mehr. Dann ist man wahrscheinlich wirklich alt.

Alt wollte ich aber noch nie sein. Ich fand es ehrlich gesagt keineswegs besonders prickelnd älter zu werden. Zumindest nicht älter als, sagen wir mal 35. Danach zieht es mal hier und tut es da mal weh, das Gedächtnis lässt nach und im Spiegel sieht man auch nicht mehr jeden Tag ein bisschen besser aus… 😉

New York bildet da, in meinen Augen, beim Älter werden keine Ausnahme. Zwar wird immer wieder versucht hier ein Fettpölsterchen durch ein neues, schönes Gebäude zu ersetzen oder dort eine Schlagloch-Straße mit einem neuen glattgebügelten Flüsterasphalt zu versehen, trotzdem sieht die Subway wirklich ganz schön heruntergekommen aus, die Straßen sind schlechter als in der dritten Welt und New York ist garantiert alles andere als ein junges Baby mit Pfirsichhaut.
Ich hör’ schon, wie so mancher Leser jetzt vom Charakter der Stadt und einer tollen Mischung aus neu und alt, spricht – und es ist ja auch toll, dass viele Menschen, ich eigentlich auch, immer das Positive sehen wollen.
Aber das erinnert mich dann doch an so manche, durch Schönheitsoperationen, furchtbar entstellten Gesichter – und von denen sieht man hier drüben in den USA so einige. Die Besitzer der entsprechenden Fratzen haben vielleicht irgendwann mal ganz „harmlos“ mit ein wenig Botox angefangen, danach dann die Zähne blendend weiß machen lassen, dann ein paar Krähenfüsse entfernt und so weiter. Jede einzelne Verjüngungsmaßnahme mag, für sich betrachtet, noch möglicherweise gut gelungen sein, endet dann aber oft in einem Jugendwahn mit aufgespritzten Lippen, Mandelaugen und einer so starken Gesichtsstraffung, dass die Person kaum noch wieder zu erkennen ist. Ich weiß nicht, wie oft es mir passiert ist, dass ich mich schockiert in eine andere Richtung drehen musste, weil ich diesen fruchtlosen Versuch dem eigenen Älterwerden zu entfliehen, nicht ansehen und schon gar nicht ertragen konnte.

Einmal stand ich hinter einer vermeintlich jungen Frau mit guter Figur in der Warteschlange in einer Bank. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Kinnlade herunter fiel, als sie sich umdrehte, aber von vorne sah‘ sie aus, wie wenn sie Millionen in ihren Anwalt gesteckt hätte, der dann den Schönheitschirurgen auf eine Milliarde Schmerzensgeld verklagte.

Wie kann man sich nur so entstellen lassen und dabei möglicherweise glauben, dass man mit vollgepumptem Entenschnabel in irgendeiner Form jünger aussieht?

Die typisch amerikanischen, viel zu weißen Zähne, bringen mich auch regelmäßig zum herzhaften Lachen. Für mich sieht das wirklich in fast jedem Einzelfall aus wie eine Gesichtsprothese, die mich anschreit… „Ich will jünger sein und jünger bleiben und gut aussehen für immer und dafür lasse ich mir weiße Plastikzähne in den Mund kleben – dann wird das Universum ein Einsehen haben und ich werde für immer und für ewig und für alle Zeit leben!“

Nö! Wirst Du nicht!

Warum nicht einfach in Würde altern?! Verstehen, dass alles endlich ist und nicht so tun, als ob man mit 60 noch genau so jung , frisch und paarungsbereit aussehen kann, wie mit 20. Man kann es einfach nicht!

Der Lauf der Dinge mag erschreckend sein, aber er lässt sich nicht durch Po-Fett in den Gesichtsbacken verhindern!

Kris nach dem Aufstehen
So ähnlich sieht Kris nach dem Aufstehen aus!

In jedem Fall werden wir alle älter… und ich denke morgens manchmal, wer ist denn dieser ältere „Jüngling“ da im Spiegel, bis ich wach werde und mir der Gedanke kommt, dass das ich sein könnte.

Besonders frappierend bemerkte ich das Älterwerden auch, als mich einer meiner Söhne vor einiger Zeit fragte, ob ich denn jetzt ein Opa sei, weil ich schon so viele graue Haare bekommen würde. Natürlich habe ich mir, wie jeder normale Mensch, sofort Haarfärbemittel gekauft. Blöderweise sieht man bei blonden Haaren leider wenn sie gefärbt werden. Nach dem Färben hat man keineswegs wieder natürlich blonde Haare, wie es auf der Packung steht, sondern eher so ein seltsames Braunblond, das ich in der natürlichen Natur noch nie gesehen habe. Trotzdem verwenden anscheinend ganz viele Männer das selbe Mittel. Besonders amüsiert war ich, als Arnie, der österreichische Ex-„Governator“ von Kalifornien, ganz plötzlich die gleiche Haarfarbe wie ich hatte.

Ich hab’ deshalb diese ganzen Versuche, mich durch Real-Life-Photoshop wieder jung zu bekommen, eingestellt und denke seitdem jeden Morgen im Spiegel über meine wahrscheinlich doch vorhandene Endlichkeit nach.

Irgendwann kam es mir deshalb in den Sinn, dass meine Kinder mehr von mir haben sollten als nur ein paar wenige Fotos, wie ich von meinem Vater. Außerdem bedrückte mich auch die Vorstellung, dass wir irgendwann nur noch sehr blasse Erinnerungen haben, wie jemand, der nicht mehr unter uns weilt, wirklich war. Im Kopf bleiben ja leider auch die negativen Dinge deutlich länger erhalten als die positiven. Zusätzlich hatte ich gerade durch den Stress und den wirtschaftlichen Druck in NYC oft das Gefühl, dass meine Familie ohne mich vollkommen aufgeschmissen wäre.

Was würde passieren, wenn ich heute einen Herzanfall bekäme? Würden meine Kinder sich dann noch daran erinnern, dass sie nicht auf die heiße Herdplatte fassen und nicht mit fremden Menschen mitgehen sollten? Würde Quentin noch wissen, wie man eine richtige Vorhand im Tennis schlägt? Würde Rafael auch ohne mich die Leckereien bekommen, die für sein Überleben so notwendig sind? Wäre Anjella schon intelligent genug, nicht beim erstbesten Rocker aufs Motorrad zu steigen? Würde Kris, ohne meine täglichen aufmunternden Worte, auch weiterhin die Wohnung putzen? 😉

Das Alles und noch viel mehr trieb mich in jedem Fall richtig um. Ich wollte deshalb der Welt – und besonders meiner Familie – eine Botschaft hinterlassen. Eine Botschaft, die man jederzeit und überall abrufen konnte. Eine Botschaft, die auch in 100 Jahren ihren emotionalen Wert nicht verlieren würde und die auch noch von den Enkeln meiner Enkel angesehen werden konnte. Sozusagen ein lebendiges Bild, eine persönliche Erinnerung an eine geliebte Person, wie den eigenen Vater oder die eigene Mutter, das man immer bei sich tragen konnte.

Der Unternehmer in mir hatte also mal wieder die Überhand über den deutlich entspannteren Tennisspieler gewonnen. Ich entwarf einen sehr detaillierten Plan und versteifte mich darauf auch endlich mal eine Smartphone App auf den Markt werfen zu wollen.
Das Ganze sollte eine iPhone Anwendung werden, mit der man eine Art „letzter Wille“ als Video aufzeichnen konnte, das dann erst nach dem eigenen Ableben den entsprechenden Menschen zur Verfügung gestellt werden sollte.

Man könnte damit sowohl seinen Liebsten, als auch seinen Feinden, etwas hinterlassen, was sie erst dann sehen würden, wenn man selbst schon lange über alle Berge bei den sieben Zwergen war.

Mein Plan umfasste in jedem Fall eine unsterbliche Menge guter Ideen. Schnell machte ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Entwickler. Nachdem ich mit Indern, also Software-Entwicklern aus Indien, nicht so gute Erfahrungen gemacht hatte, versteifte ich mich auf die Idee einen Entwickler in New York zu suchen und zu finden. Natürlich kristallisierte sich sehr schnell heraus, dass auch die Entwickler in New York teure New Yorker Äpfel bei Whole Foods einkaufen gehen müssen und deshalb die Entwicklungskosten außerordentlich hoch sein würden.

Von einer dubiosen russischen Firma bis zu einem richtig großen Entwickler, der in allen interessanten Städten der Welt, wie London, New York, Shanghai, Niederlassungen hatte, schaute ich mir alle möglichen Programmierfirmen an.
Niemandem erzählte ich genau, was ich eigentlich vor hatte. Ich hatte mein „Design Doc“ so umgeschrieben, dass man nicht darauf kommen konnte.

Meine Idee war etwas vollkommen Neues. Niemand hatte vorher etwas derartiges gemacht und ich wollte unbedingt der Allererste sein. Ich war mir auch sehr sicher, dass ich damit eine Menge Presse-Echo ernten würde. Frei nach dem Motto „Sterben kann man jetzt auch auf dem iPhone!“. 😉

Nach intensiver Suche entschied ich mich für einen Entwickler, der von Battery Park City ganz „easy“ mit dem Fahrrad zu erreichen war und ungefähr 20 Mitarbeiter beschäftigte. Einige der Mitarbeiter waren mir darüber hinaus wirklich sympathisch und erinnerten mich in extremer Weise an Top-Mitarbeiter meiner eigenen damaligen Firma.

Leider dauerte die Entwicklung über zwei Jahre und ich gab ungefähr doppelt so viel Geld aus, wie ich eigentlich wollte. Ich hatte mit dem Vice-Präsident der Company, Brian, sehr nette Besprechungen im angesagten Meat Packing District, aber die Entwickler waren überfordert und hatten ein Angebot abgegeben, das sehr weit von der Realität entfernt war. Wer schon mal Software entwickelt hat, weiß, dass das wichtigste englische Wort in diesem Zusammenhang „to postpone“ (verschieben) ist. Leider merkt man oft erst sehr spät im Prozess, dass man nicht so richtig gut voran kommt und steht dann vor der Wahl, das schon ausgegebene Geld komplett im Hudson zu versenken und das Projekt, in diesem Fall besonders passend…, sterben zu lassen oder immer weiter Geld nachzuschießen und Features zu streichen, um wenigstens irgendetwas fertig zu bekommen.

Ich entschied mich für Letzteres. Tatsächlich entwickelten die Programmierer ab einem gewissen Zeitpunkt für mehrere Monate sogar ohne Bezahlung, was aber die Fertigstellung auch nicht wirklich beschleunigte.

Meatpacking District in NYC
Meatpacking District in NYC

Als ich die Pressearbeit begann, trat ich einen richtigen Sturm los. Die Website erzielte höchste Abrufzahlen und die hübsche blonde PR-Beraterin Ria, die ich natürlich überhaupt nicht wegen des Aussehens, sondern nur aufgrund ihrer Qualifikation angeheuert hatte, verschaffte mir sogar einen Termin im Yahoo-Office in New York, das lustigerweise in dem Gebäude war, auf das ich schon mit Karsten gestiegen bin. (siehe Kapitel 28 – Mit Karsten auf dem Dach

Die Yahoo-Redakteurin Alyssa war ebenfalls hübsch und blond, wofür ich dieses Mal aber wirklich überhaupt gar nichts konnte. Wir führten ein sehr lustiges Gespräch und lachten besonders laut, als wir feststellten, dass ich ja in New York schon total berühmt oder auch berüchtigt war. Sie kannte mich nämlich und erinnerte sich sofort, sogar an Details der Geschichte über diesen verrückten Bewohner des Riverhouse, der gegen die hupenden Fähren kämpfte… 😉 (siehe Kapitel 29 – Die hupende Sinnlosigkeit des Seins)

Ein paar Tage nach unserem Gespräch bekam ich die Zusage von ihr, dass sie meine App auf der Titelseite des Yahoo-Technik-Kanals vorstellen würde, allerdings erst wenn „Your Last Will“ (Dein letzter Wille) komplett fertig wäre.

Ja und dann… die App wurde und wurde natürlich – nicht – fertig. Es war richtig zum Verzweifeln. Mehrfach hatten mir die Entwickler angekündigt, dass wir nur noch maximal 14 Tage von der Fertigstellung entfernt wären. Ich schaute mir die App genauer an und fiel jedes Mal beinahe tot um… und das obwohl ich noch gar kein Video für meine Liebsten damit aufgenommen hatte.
So ging das fast über ein Jahr. Ich kann gar nicht mehr sagen, wie oft ich in dieser Zeit gestorben bin. Eines weiß ich jedoch sicher, ich entwickle niemals mehr in meinem Leben eine App, die ich nicht selbst programmieren kann.

Von der BBC bis Yahoo hatten alle darüber berichtet. Ich hatte wahnsinnig viel Geld und Zeit darin investiert und als sie dann nach 2 Jahren irgendwie fertig wurde, war sie einfach nicht gut programmiert… auch ein wenig weil Apple immer wieder Updates veröffentlichte, die die App komplett zum Absturz brachten.

Als sie dann doch irgendwann wirklich und wahrhaftig auf den Markt kam, erhielt ich zwar viel nettes Feedback aus der ganzen Welt, aber dadurch, dass die App jetzt nur noch in den USA lauffähig und die gesamte Pressearbeit mittlerweile verpufft war, bekam ich nur noch mehr graue Haare…

Ach, hätte ich mir für das ganze Geld doch lieber ein paar Äpfel bei Whole Foods gekauft… 😉

YourLastWill.net
YourLastWill.net

Ich möchte deshalb jeden Leser bitten, auf gar keinen Fall irgendwelche Apps zu entwickeln. Mit exakt 99,9%iger Wahrscheinlichkeit kommt dabei nicht das nächste „Angry Birds“ heraus und beim Verkauf werden auch keine Milliarden Dollar in die eigene Tasche hüpfen.

Alles, was ich hier geschrieben habe, hätte ich natürlich auch mit meiner Your Last Will App als Video-Botschaft aufnehmen und nach meinem Ableben an die gesamte Menschheit verschicken können, wenn die App denn richtig funktionieren würde… 😉

PS: Manchmal liest man übrigens, dass die Erde rund 110 mal in die Sonne passt, was ein wenig weniger ist als 1 Million mal. Die Leute, die das schreiben, haben aber leider die Frage nicht richtig verstanden – und deshalb ist auch die Antwort falsch. Wenn das irgendwer genauer wissen möchte, bitte einen Kommentar schreiben… 😉

PSPS: „Batteryscore – the very first iPhone Battery Benchmark Test“ war eine weitere App, die ich in New York auf den Weg brachte und die etwas erfolgreicher war. Leider entschied sich Apple nach einem Jahr die App aus dem Store zu nehmen, weil es ihnen „möglicherweise“ nicht passte, dass man damit feststellen konnte, wie schlecht die Batterien der modernen iPhones sind. – Hört ihr das Rumpeln? Das ist Steve Jobs, der sich gerade im Grab umdreht…

PSPSPS: Hier gehts‘ zur Your Last Will Website

Subway Musiker - auch eine Möglichkeit in NYC Geld zu verdienen
Subway Musiker – auch eine Möglichkeit Geld zu verdienen

PSPSPSPS: Kris meinte gerade, zu dem Text im obigen Bild (siehe oben links), dass der Subway-Musiker ganz sicher einen deutlich höheren Stundenlohn erzielen würde, als ich in den letzten Jahren… Das ist ja sooooo gemein! 😉

Ende von Kapitel 34


Die lüsterne Nachbarin... - Kapitel 33- Kapitelübersicht -Die Verrückten von New York - Kapitel 35


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