Die hupende Sinnlosigkeit des Seins

New York City

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Kapitel 29

Wir Menschen sind seltsame Lebewesen! Nie war mir das bewusster als in New York. Wir entwerfen tausende von Regeln, Vorschriften, Hausordnungen, Verkehrsschilder, Richtlinien oder Verfassungen und implementieren nachfolgend entsprechende Aufpasser, auch Polizisten oder Bademeister genannt, die uns dann wiederum daran hindern müssen, diese von uns selbst gemachten Regeln zu brechen oder zu überschreiten.
Man kann das auch Gewaltenteilung nennen, aber das ist nur wieder so eine mehr oder weniger elegante Worthülse, mit der wir versuchen den Dingen einen Sinn zu geben, selbst wenn da in Wirklichkeit gar keiner ist.

Wir regeln unsere Gesellschaft ja auch deshalb so exzessiv, weil wir offensichtlich insgeheim glauben, dass wir zu dumm sind ohne diese vielen Vorschriften zusammen leben zu können – und vielleicht sind wir das ja auch.

Leider merken wir es schon gar nicht mehr, wenn die Regeln nur noch um der Regel willen existieren und nicht mehr um irgendetwas für die Menschen, d.h. die Regel-Macher, sinnvoll zu verbessern. Von so einem vollkommen sinnlosen Beispiel werde ich in diesem Kapitel berichten.

Alles fing jedoch, wie meistens, relativ harmlos an!

New York von New Jersey aus gesehen
New York von New Jersey aus gesehen

Wir hatten Besuch von einer guten Freundin aus Deutschland und ihren beiden Zwillings-Jungs. Ihre Zwillinge verstehen sich sehr gut mit unseren, weil sie nämlich im gleichen Krankenhaus ungefähr zur gleichen Zeit geboren wurden – und sich die beiden Mütter, Kris und Verena, und die vier Zwillinge dort kennen (und lieben) gelernt hatten. Diese Liebes-Klammer führe ich immer dann an, wenn ich mal wieder darüber genervt bin, dass Kris zwar alles ihrer Verena nach Deutschland per Whatsapp berichten kann, ich aber oft nur zufällig von wichtigen Dingen erfahre. Aber so sind sie halt, die Frauen… 😉

In jedem Fall war Verena aus Karlsruhe zu Besuch und wir hatten ihr schon vorher davon vorgeschwärmt, wie ruhig es in unserem Apartment sei und man, sowie Frau, dort hervorragend schlafen könnte, ohne von den sonst New York typischen Sirenen geweckt zu werden. Gerade wenn man aus der doch ziemlich beschaulichen Stadt Karlsruhe kommt, nimmt man den geschäftigen Lärm, der vor Leben bebenden Großstadt New York City umso stärker wahr.
Aber eben nicht in unserer Wohngegend und nicht in unserem Apartment. Hier war alles ruhig und friedlich. Zumindest bis zu dem folgenschweren Tag, an dem ich eines ganz normalen Morgens um kurz nach 6 Uhr plötzlich von hupenden Taxifahrern geweckt wurde. So dachte ich jedenfalls.

Beim Frühstück entschuldigte ich mich noch bei Verena, dass ich auch nicht wüsste, was hier passiert sei, weil wir noch niemals von Hupen aufgeweckt worden seien. Natürlich vermutete ich, dass es sich dabei um einen bestimmt einmaligen Vorfall handeln müsse und war mir sicher, dass wir am nächsten Morgen ganz bestimmt wieder ruhig ausschlafen könnten.

Seltsamerweise war aber auch tagsüber immer mal wieder dieses Hupen zu hören. Im Verlauf eines normalen Tages nimmt aber die Geräuschempfindlichkeit eines New Yorkers, aufgrund des allgegenwärtigen Lärms, deutlich ab, weshalb mir das Getröte nicht mehr so laut vorkam. Außerdem vermutete ich, dass sich, aufgrund einer temporären Baustelle am Einkaufszentrum um die Ecke, die Autos stauen würden und alle ungeduldigen Taxifahrer aus Hup-freundlichen Ländern, wie Indien, Brasilien oder Spanien, mal wieder dem Irrglauben unterlagen dadurch den Verkehrsfluss beschleunigen zu können.

Wir hatten ja schon mal ein Jahr in Spanien bzw. Barcelona gelebt und noch heute erzählen sich die Menschen dort die Geschichte, von einem lustigen Typen im Bademantel, im 19. Stock eines Hochhauses, der versuchte durch wildes Winken und Vogel zeigen auf dem Balkon, Taxifahrer vom superdämlichen Hupen am sehr frühen Morgen abzuhalten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind natürlich nicht beabsichtigt, in gar keinem Fall mit dem Schreiberling dieses Buches… 😉

In jedem Fall hatte das Winken in Barcelona nichts genützt, auch weil das Hupen bei Südländern wahrscheinlich schon in den Genen, vor der eigentlichen Geburt, fest verankert wird. Keinesfalls möchte ich damit aber sagen, dass wir Deutschen irgendwie besser wären! Wir hupen halt einfach nur nicht so viel – ohne jeden – Grund! 😉

In New York kursieren tatsächlich sehr viele Witze über nicht englisch sprechende Taxifahrer aus anderen Ländern und insofern war die Möglichkeit, dass das Hupen durch eine genetische Prägung hervorgerufen worden sein könnte, nicht allzu weit hergeholt. Lustige Unterhaltungen mit Taxifahrern, in beiderseits gebrochenem Englisch, sind insofern etwas vollkommen normales und werden nur unterbrochen durch wildes Hupen derselbigen… Es mussten also die Taxifahrer sein. Mein Gehirn gab sich damit zuerst auch vollkommen zufrieden. – Als wir dann später das Haus verließen, um uns die Stadt gemeinsam anzusehen, dachte ich gar nicht mehr daran.

Abendstimmung NYC
Abendstimmung – aus unserer Wohnung

Am nächsten Morgen wurde jedoch erneut leidenschaftlich und ununterbrochen gehupt. Jetzt ärgerte ich mich schon etwas deutlicher beim Frühstück, aber irgendwann musste diese Baustelle ja wieder etwas weniger schwierig zu umfahren sein. Dann würden wir unsere Nachtruhe wieder haben – in unserem schönen, ruhigen Zuhause. Auch an diesem Tag gab es aber Dinge, die mir wichtiger waren als das Gehupe und das Problem verschwand wieder aus meinem Aufmerksamkeitsradius.

Erst am dritten Tag seit Beginn des morgendlichen Hupweckrufs um 6 Uhr wurde es mir dann zu bunt. Nach dem Frühstück machte ich mich reichlich wutschnaubend auf den Weg nach unten. Dort wollte ich einen Taxifahrer in flagranti erwischen und ihm dann einen lebensverändernden, verkehrserzieherischen Vortrag halten. Natürlich war mir klar, dass deshalb nicht ganz New York aufhören würde zu hupen, aber wenigsten bei uns sollten sie wieder aufhören.

Nachdem ich die 29 Stockwerke mit dem Aufzug überwunden hatte, stürmte ich sofort auf die Straße – und… hörte absolut nichts, außer den normalen morgendlichen, erträglichen Stadtgeräuschen. Noch nicht einmal ein einziges Taxi stand vor dem gegenüberliegenden Conrad Hotel. Ich wartete ein paar Minuten und obwohl mittlerweile ein paar Taxis vorgefahren waren, gab keines von ihnen irgendwelche Hupgeräusche von sich.

Seltsam! Ich ging wieder nach oben und beschloss mich „einfach“ wieder zu beruhigen. Es gibt schlimmeres als hupende Taxis, dachte ich. Genau in diesem Moment, wie um mir klar zu machen, dass ich ja keine Ahnung hätte, hupte es NATÜRLICH erneut – und nicht nur einmal, sondern gleich vier mal. Ich stürmte ans Fenster und hatte überhaupt gar keine Chance aus dem 29. Stock genau zu erkennen woher das Hupen kam.

Fing ich möglicherweise langsam an durchzudrehen? War das Hupen, gar kein Hupen sondern eine Alarmsirene meines Unterbewusstseins? Gab es Tinnitus jetzt auch mit New Yorker Taxihup-Sound?
In dieser Stadt lernt man nach und nach so manche Verrückte kennen, denen das Leben unter Dauerstress ganz offensichtlich nicht besonders gut getan hat. Gehörte ich, nach nur einem Jahr New York City, auch schon zur Truppe der Durchgeknallten?

Wir benötigten noch ein paar Tage investigative Überwachungsarbeit am Fenster, bis wir den wahren Grund für die dämliche Huperei herausfanden. Es waren keine Taxis. Es waren auch keine Truck-Fahrer, auch keine Fahrrad- oder Autofahrer, auch kein Kind, das in der Wohnung unter uns mit einer Sirene spielte.

Nein, es waren an- und ablegende Fähren!

Die hupenden Fähren von New York City
Die hupenden Fähren von New York

Jetzt muss man wissen, dass direkt vor unserem Haus eine Fährenhaltestelle war. Mit den von dort ablegenden Fähren konnte man zum Beispiel nach New Jersey fahren oder andere Stellen in New York ohne jeden Stau erreichen. Wir waren schon öfter damit gefahren und ich liebte es mit den schnellen Fähren übers Wasser zu rauschen. Der Fährbetrieb startete schon morgens um 6 Uhr und brachte immer ganz viele grau gekleidete Schlipsträger von New Jersey aus in die Stadt. Michael Ende, der Author der „Neverending Story“ hätte seine wahre Freude an diesem Bild gehabt – oder sich einfach nur darüber gegruselt, wie diese Roboter-ähnlichen Menschenwesen gleichförmig zur Arbeit schritten.

In jedem Fall hupten diese Fähren jetzt plötzlich und ich verstand absolut nicht warum. Solange wir auch versuchten den Grund dafür von unserer Beobachtungsstation im 29. Stock heraus zu finden, es gab keinen sichtbaren Grund. Wenn die Fähren an- oder ablegten, waren keine Schiffe in der Nähe zu sehen, die dadurch irgendwie hätten behindert werden können. Seltsamerweise hupten manche Fähren auch gar nicht, andere wiederum sogar gleich vier mal. Eine irgendwie sinnvolle Regel konnte man daraus nicht ableiten.

In den nächsten zwei Tagen hupten sie dann glücklicherweise oder seltsamerweise gar nicht in den Morgenstunden und tagsüber auch nur sehr vereinzelt. Die Lautstärke war außerdem bei geschlossenen Fenstern erträglich. Unsere Freundin war am Wochenende abgereist und wir dachten und hofften, dass dieser seltsame Spuk wieder vorbei war.

Ja, bis zu jenem friedlichen Montagmorgen als ich das unmittelbare Gefühl hatte gerade von einem betrunkenen Fußball-Hooligan, der mir seine Sirene direkt ans Ohr gehalten hatte, um kurz nach 6 Uhr aus dem Bett getrötet worden zu sein. Ich fiel mehr oder weniger aus dem Bett und wollte eigentlich sofort jemanden „um die Ecke bringen“. – Plötzlich hupten außerdem ausnahmslos alle Fähren vier mal und manche davon ganz besonders laut.

Ohne lange nachzudenken, machte ich mich wütend auf den Weg nach unten. Ja, ich habe mir trotzdem schnell noch etwas angezogen… 😉 Ich war im wahrsten Sinne des Wortes richtig stinksauer und stürmte in Richtung der Anlegestelle. Von weitem konnte ich schon einen Mitarbeiter der Fährengesellschaft erkennen. Er sah’ mich mit weißem Schaum um den Mund auf ihn zustürmen und flüsterte etwas in sein Mikrofon, das er um den Hals baumeln hatte, bevor ich ihn erreichen konnte. Hatte er etwa Verstärkung gerufen?

Mich nur schwer beherrschend… Wer kennt eigentlich noch das HB-Männchen?… fragte ich ihn: „Why are all those ferries stupidly honking so early in the morning?“ (Warum hupen alle diese Fähren blödsinnig so früh am Morgen?“ – Er reagierte gelassen und recht freundlich, anscheinend hatte er eine entsprechende Schulung absolviert – und erklärte mir, dass sie dazu gesetzlich verpflichtet seien. Ich verstand nicht. Schließlich lebten wir jetzt schon über ein Jahr hier und waren vorher auch mehrfach zu Besuch in Battery Park City gewesen. „Nie hatte auch nur eine einzige Fähre gehupt!“ ließ ich ihn wissen. Er ging überhaupt nicht darauf ein. „Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet.“ wiederholte er daraufhin. „Aber warum wird das dann erst seit kurzem umgesetzt?“ wollte ich erneut wissen. Nach etwas hin und her, informierte er mich, unter vorgehaltener Hand, darüber, dass sich eine Kayak-Fahrerin beschwert und mit Klage gegen die Fährengesellschaft gedroht hätte, wenn die Hup-Regel, die irgendwann zu Beginn des 19. Jahrhundert erlassen wurde, nicht von den Fähren eingehalten werden würde.
Die Kayakerin wolle jeden Fähren-Kapitän persönlich anzeigen und verklagen, wenn sich Einzelne nicht daran halten würden. „Wir haben keine Wahl.“ meinte er und fügte leise hinzu „… auch wenn es wirklich nervtötend ist. Sogar für uns!“.

Touristen auf einer NY Waterways Fähre
Definitiv Touristen auf einer NY Waterways Fähre

Ich versuchte zu ergründen, was dieses ununterbrochene Hupen, allein 60 mal zwischen 6 und 7 Uhr am Morgen denn bringen sollte. Kein einziger Kayaker war um diese Zeit auf dem Hudson unterwegs. So oder so wäre es lebensgefährlich sich in der Nähe der Anlegestelle aufzuhalten, weil die Fähren immer sehr schnell an- und ablegten.

Das wäre ungefähr so, wie wenn ein Auto, bevor es in eine Straße einbiegt immer viermal hupen müsste. Es könnte ja ein Opa gerade mit einem Rollator über die Straße humpeln. Würde man dann viermal hupen, könnte man den Opa ja trotzdem nicht einfach überfahren?! Leise gab er mir erneut Recht, was mir ein gutes Gefühl gab, aber überhaupt nichts am Problem änderte.

Wie ich dann zu Hause nach etwas Recherche herausfand, war diese Regel irgendwann für große Dampfschiffe, die aus einem Hafen ablegen, eingeführt worden, um kleinere langsame Segelschiffe zu warnen. Diese Situation war aber hier überhaupt nicht gegeben. Es gab hier keine großen Dampfschiffe und kein anderer Schiffsführer fuhr in unmittelbarer Nähe an der Anlegestelle vorbei. Der gesamte Schiffsverkehr hielt großen Abstand von diesem Hup-Ort des Grauens.

Das Gehupe machte einfach überhaupt gar keinen Sinn!

Wir konnten aber jetzt nicht mehr schlafen, weil irgendeine wildgewordene Kayakerin eine Regel von Neunzehnhundert-irgendwann per Klageandrohung wieder eingeführt hatte.

Tatsächlich wurde seit über 30 Jahren nicht mehr gehupt, da es eine unheimliche Lärmbelästigung für die Menschen darstellte, die direkt am Wasser wohnten – und das sind im komplett von Wasser umgebenen Manhattan, so einige. Außerdem hatte es in den letzten 30 Jahren keinen einzigen Unfall mit einer Fähre und einem Kayak gegeben, wie mir später sogar offiziell bestätigt wurde. Die Kapitäne anderer Schiffe konnten das Gehupe aufgrund der lauten Schiffsmotoren so oder so nicht hören – und was sollte ein langsames Segelboot machen, wenn es das Gehupe gehört hatte? Sich schnell in Luft auflösen?

Wozu also das Ganze? Warum das Leben von Einzelnen mit einer uralten Regel terrorisieren, nur weil sich eine Kayak-Fahrerin wichtig machen wollte?

Ich setzte Himmel und Hölle in Bewegung. Deutsche HB-Männchen geben nicht so schnell auf… 😉

Ich verteilte Flugblätter im Gebäude und fand schnell ein paar Mitstreiter, führte Interviews mit „The New Yorker“, der „NY Times“, der „US Post“, der deutschen Zeitung „Die Welt“, rief eine Online-Petition ins Leben, gründete eine Facebook-Gruppe und das ZDF schickte sogar ein Filmteam vorbei. Wer schon mal in seinem Leben ein Interview gegeben hat, kann sich wahrscheinlich ansatzweise vorstellen, wie ich mich fühlte, als ich meine allererste Anfrage für ein Interview – in Englisch – von einem „The New Yorker“-Reporter (Nick Paumgarten) bekommen habe. Eigentlich wollte ich den ganzen Protest gleich wieder abblasen und so tun als ob nichts gewesen wäre, allerdings nur bis die nächste Fähre ohrenbetäubend hupte… da wusste ich wieder ganz genau, warum ich das alles machte. Der Reporter war außerdem sehr nett und ich tankte ein wenig Selbstvertrauen, dass ich das auch mit den anderen Reportern hinbekommen würde.

Einen Tag bevor dann das ZDF-Filmteam kam, sahen wir zum aller-allerersten Mal ein Kayak auf dem Hudson in der Nähe der Anlegestellte und wunderten uns sehr!
Wie nicht anders zu erwarten, war das aber eine inszenierte Aktion… In dem Fernsehbericht, der dann mit ironischem Unterton vom ehemaligen Karls-RUHE-r berichtete, der in die laute Stadt New York zog, um sich dann dort über den Lärm zu beschweren, musste natürlich auch ein Kayak vorkommen, das ganz nah am besagten Gefahrenpunkt vorbei fuhr… Ich fand den ZDF Nachtjournal Beitrag trotzdem sehr amüsant. Man muss ja auch über sich selbst lachen können! 😉

Ich bekam natürlich einige Emails von Freunden aus Deutschland, die ganz schön überrascht waren, als sie mich ganz plötzlich als Karlsruher, der gegen die New Yorker Hupen kämpft, in den Abendnachrichten sahen.

Doch der ganze Medienrummel brachte leider nichts. Alle Hupgeschädigten sahen mich jetzt zwar als ihren potentiellen Retter an, aber die Küstenwache, die die Durchführung des ordnungsgemäßen Hupens überwachte, veröffentlichte sogar eine Stellungnahme, die alles andere als freundlich war. Frei nach dem Motto: Regeln sind Regeln, die uns helfen alles zu regeln, auch wenn keiner mehr weiß warum.

Das half der Familie mit einem Neugeborenen, die mir berichtet hatte, dass ihr Baby morgens jetzt immer wieder weinend durch die Fähren geweckt wird, ziemlich wenig. Auch der Vorschlag der Kayakerin, dass sich alle „Millionäre“, die in unserer Gegend wohnen würden, doch für ein paar Tausend Dollar neue Fenster kaufen könnten, war vollkommener Blödsinn. Wie wenn man in New York so einfach Fenster austauschen könnte?! Da gibt es Regeln, die so was regeln und die machen alles so oder so schon kompliziert genug, aber offensichtlich hatte die regelverliebte Dame auch überhaupt keine Ahnung von den wahren Kosten.

Sogar ein Fähren-Kapitän hatte mir anonym geschrieben, dass er und viele seiner Kollegen diesen Humbug für überflüssig hielten. Die Fahrgäste erschreckten sich regelmäßig auf den Booten und kleinen Kindern musste man ab sofort auf den Fähren beim Ablegen die Ohren zu halten.

Auf einer Downtown-Webseite hatte ich außerdem einen Kommentar gepostet, dass diese dämliche Hup-Regel sogar für Schiffe und Boote – aller – Größenordnung gelten würde, weil sie damals nämlich tatsächlich in keiner Hinsicht eingeschränkt worden war. Wie mir dann von jemandem berichtet wurde, hatten ab diesem Zeitpunkt sogar die Kayaker kleine Hörner mit im Boot, die sie beim Ablegen benutzten. Wen sie damit wohl warnen wollten? Vielleicht renitente Fische, die sonst von den hochgefährlichen Kayaks überfahren worden wären – oder ging es hier einfach mal wieder nur ums Prinzip?

Die angeblich so super-intelligente Spezies Mensch, die sich selbst mit Hupen regulieren muss, weil Fährenkapitäne sonst eine Gefahr für den Fortbestand der Menschheit darstellen würden. Was für ein offensichtlich komplett hirnverbrannter Schwachsinn!

Im Winter war das Hupen besonders laut
Im Winter war das Hupen besonders laut

Sonst hatte ich immer versucht alles mit Humor zu nehmen, aber Menschen mit zu wenig Schlaf kommt der Humor einfach irgendwann abhanden. Unsere Kinder konnten dadurch an vielen Tagen auch nicht mehr richtig schlafen und hatten tagsüber mit der Müdigkeit zu kämpfen. Ohrstöpsel habe ich auch getestet, mit dem Ergebnis, dass ich die ganze Nacht wach lag, weil ich als Anführer des Familien-Rudels ununterbrochen das Gefühl hatte, ich könnte die Hilferufe meiner Kinder im Notfall nicht hören…
Ich hatte natürlich auch versucht die Argumente der Gegenseite zu ergründen und die Rädelsführerin sogar zum Kaffee trinken eingeladen, worauf sie natürlich nicht reagierte. Sie wollte ja nur ihre Regel durchsetzen, ohne Rücksicht auf menschliche Verluste, damit kein Kayaker potentiell, möglicherweise, irgendwann, unter Umständen gefährdet werden könnte.

Es war alles vergebens! Es wurde einfach weiter gehupt! Insgesamt ungefähr 250 mal pro Tag. Leider sprang auch niemand der wirklich prominenten Bewohner unseres Hauses mit auf den Protestzug oder die Protestfähre… Ich hatte mir schon erhofft, dass mich Leo (Di Caprio) oder Dave (Gahan) mal anrufen und mit mir gemeinsam einen Schlachtplan aushecken würden. 🙂

Leo hat es sich ja überhaupt dann ganz einfach gemacht. Obwohl er jetzt schon einige Jahre im Riverhouse wohnte, kaufte er sich mal schnell ’ne neue „Hütte“ für angeblich Fünfzig Millionen Dollar in einer weniger hup-reichen New Yorker Luxusherberge – und ist ausgezogen. Das hätten wir eigentlich genau so machen sollen. Aber aus irgendeinem Grund haben die Produzenten mir das Geld für den Film, „The Wolf(-gang) of Wall Street“, der ganz offensichtlich über mich handelte und direkt um die Ecke gedreht wurde, nicht ausgezahlt, sondern es einfach fälschlicherweise an Leo überwiesen. Auf meinen Brief, dass mindestens die Hälfte der 200 Trilliarden-Einnahmen mir zustünden, habe ich auch nie eine Antwort bekommen… 😉

So wohnten wir fast noch ein weiteres Jahr im Hup-Inferno und ärgerten uns gemeinsam mit vielen anderen täglich über die vollkommen hupende Sinnlosigkeit des Seins. Sogar als wir schon nach Miami gezogen waren, meldeten sich noch regelmäßig New Yorker bei mir, die meine Unterstützung im Kampf gegen den menschlichen Irrsinn suchten. Aber wir waren jetzt weit, weit weg… in der sonnigen Ruhe von Florida!

PS: Der O.A.R. Leadsinger Marc Roberge, den ich ja in Salt Lake City getroffen hatte und der auch im Riverhouse wohnte, erinnerte sich übrigens sofort an den Kämpfer gegen die Hupen… Mensch, ich war jetzt berühmt… 😉

PSPS: Unsere Jungs sagen noch heute manchmal, dass sie New York toll fanden, aber nicht die vielen Sirenen und Hupen…

PSPSPS: Weiter oben habe ich ja dieses Fähren-Bild mit den ganzen Eischolen drum herum gepostet. Man muss sich vorstellen, dass auch bei diesem Wetter weiterhin 250 mal am Tag gehupt wurde. Jedes Kayak wäre unmittelbar von den Eisschollen zerdrückt worden und fast die komplette Schifffahrt auf dem Hudson war eingestellt… aber auf das Hupen konnte – natürlich – auch weiterhin nicht verzichtet werden… 😛

PSPSPSPS: Die Amerikaner haben übrigens einen sehr schönen Begriff für überflüssigen Lärm: „Noise Pollution“ – übersetzt in etwa Lärm-Verschmutzung…

Ende von Kapitel 29


Mit Karsten auf dem Dach - Kapitel 28- Kapitelübersicht -Bei den Walen - Kapitel 30


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2 Kommentar

  1. Ja, ja… die Sirenen und Hupen sind die erste Erinnerung die mir für New York in den Sinn kommt Furchtbar!!! Und wieder klasse geschrieben viele Grüße an mein geliebtes Miami

    • Vielen Dank, Ulla! – und ich richte die Grüße natürlich sofort aus… Wir haben bestes Miami Wetter heute. Angenehm warm und sonnig mit ein wenig Wind! Perfekt… 😉

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