Wer braucht schon einen Credit Score?

Wolken über Brooklyn

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Kapitel 2

In den ersten Tagen nach unserer Ankunft hatten wir dann doch recht bald mit einem Problem zu kämpfen, das wir in dieser Form nicht aus Deutschland kannten – dem sogenannten Credit Score.

Es handelt sich dabei um eine ziemlich undurchsichtig kalkulierte Bewertung der eigenen Kreditwürdigkeit. D.h. irgendwelche Firmen, verdienen sehr gutes Geld damit, indem sie den über 300 Millionen Amerikanern Gebühren dafür abknöpfen, dass sie einen Wert berechnen, den man dann dafür braucht viele Dinge (auf Kredit) zu kaufen oder auch nur um eine Wohnung zu mieten.

Davon gehört hatte ich schon vorher, aber dachte mir, dass wir davon ja nicht betroffen sein würden, weil wir ja vorerst keinen Kredit in Anspruch nehmen wollten und würden.

Durch den Verkauf meiner Firma hatte ich in Deutschland etwas Geld auf die hohe Kante legen können, was uns sicher durch die möglicherweise schwierige Anfangszeit in New York bringen sollte.

Ja, leider hatte ich diese Rechnung ohne das amerikanische Kreditvergabesystem gemacht.

Das für uns Europäer vollkommen absurde System basiert nämlich darauf, dass man regelmäßig Schulden macht und sie dann wiederum regelmäßig abbezahlt, zusätzlich möglichst viele Bankkonten und Kreditkarten besitzt und überhaupt eher auf zu großem Fuß lebt.

Als Deutscher mit schwäbischem Anteil halte ich natürlich nicht so viel vom Schulden machen!

Keiner Schuld bewusst machte ich mich also auf den Weg und wollte für unsere Familie einen einfachen Handyvertrag abschließen, um nicht mehr mit den teuren deutschen Mobiltelefonen im Ausland telefonieren zu müssen.

Tja, da stand ich nun als deutscher Neuankömmling in einem Handy-Shop und wollte einfach mal so einen Handyvertrag abschließen… Die sehr nette aber bestimme Verkäuferin machte mir klar, dass sie dafür erstmal alle Daten eingeben und dann unseren Credit Score abfragen müsse. Nicht minder freundlich erklärte ich ihr, dass wir gerade erst angekommen seien und deshalb noch gar keinen Credit Score haben könnten.
Das leichte Zucken um ihren Mundwinkeln nahm ich natürlich wahr, hielt es aber für unbedeutend. Sie ging dann mal schnell ihren Boss etwas fragen und kam mit einem immer noch freundlichen aber betrübten Gesichtsausdruck zurück, der nichts Gutes ahnen ließ.

Leider könne Sie uns keinen Handyvertrag anbieten, wenn wir keinen guten Credit Score vorweisen könnten, sagte sie daraufhin.
Natürlich gab’ ich nicht gleich auf, ohne zu wissen was ein guter Credit Score ist und begann noch mal von vorne, dass wir gerade erst angekommen seien und es in Europa keinen Credit Score gäbe und es insofern ja eine Ausnahmeregelung für „frisch zugezogene Europäer“ geben müsse. Ich bot sogar an die Handygebühren für ein Jahr im Voraus zu bezahlen.

Es half alles nichts. Ohne Credit Score kein Handy – so einfach ist das!

KonTiki in der Nort Cove Marina
Ob er wohl einen (guten) Credit Score hat?

Aber es war nicht nur das Handy, das uns Probleme bereitete.

Ohne Credit Score bekommt man ebenfalls kein TV und Internet, keinen Telefon-Festnetzanschluss und auch keine „normale“ Mietwohnung in Manhattan, was wir relativ schnell in den ersten Tagen herausfinden durften.

Unsere Übergangswohnung war eine der wenigen Ausnahmen. Natürlich leben in NYC viele sogenannte Expats, d.h. Menschen aus aller Herren Länder, die von der amerikanischen Firmenzentrale für meistens ein bis zwei Jahre nach New York geholt werden. In diesem Fall kümmern sich die Firmen eben um alles, was der Expat und seine Familie so braucht.

Aber wir waren eben keine Expats sondern mehr oder weniger normale Auswanderer – und genau so etwas ist im amerikanischen System anscheinend nicht wirklich vorgesehen.

Und was im amerikanischen System nicht vorgesehen ist, das gibt es auch nicht!

Was macht man, wenn man gerade erst in den USA angekommen ist und überall als Fehler im System gesehen wird?
Wie schon gesagt, gerade in New York wird man immer sehr nett und freundlich behandelt, aber was hilft es, wenn das Ergebnis immer wieder eine Absage ist?

Gerade auch das Finden einer geräumigeren und schöneren Wohnung verursachte uns großes Kopfzerbrechen. Unsere Übergangswohnung war schon sehr eng und für eine Familie mit 3 schulpflichtigen Kindern plus Katze – nicht unbedingt die ideale Lösung für einen längeren Zeitraum. Der Credit Score war hierbei aber auch nicht unser einziges Problem, was wir aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten.

Für den Credit Score selbst, fand ich, dem Internet sei Dank, nach einigen Tagen eine praktikable Lösung, die ich erst gar nicht glauben konnte.

Normalerweise baut sich der Credit Score über viele Jahre auf und wen ich auch immer fragte, ich bekam immer die ganz und gar nicht befriedigende Antwort, dass unser Credit Score nach einem Jahr in den USA bestimmt schon viel besser aussehen dürfte.

Ja, sehr lustig! Wie soll denn das funktionieren? Ein Jahr ohne Handy, TV, Internet oder eine geräumigere Wohnung. Es war schon irgendwie zum Verzweifeln.

Aber es gab dann doch tatsächlich eine schnellere Möglichkeit.

Man kann nämlich seine deutsche American Express Kreditkarte in eine amerikanische Kreditkarte umwandeln lassen. Klingt irgendwie logisch, wenn man den Namen „American Express“ bedenkt, aber trotzdem muss man erstmal darauf kommen. Und was Menschen ohne American Express in unserer Situation in New York tun, ist mir bis heute schleierhaft. Wahrscheinlich unter einer Brücke schlafen und zum Internet-Surfen in den Starbucks (mit kostenlosem WiFi) gehen.

Wie kann es möglich sein, dass ein Land, das praktisch aus 99% Einwanderern besteht, nicht auf so einen Fall vorbereitet ist? Das ist schon alles sehr seltsam, dachten wir.

Aber wenigstens gelang es uns mit Hilfe der American Express-Lösung einen guten Credit Score von ca. 700 Punkten (maximal 850 Punkte) zu bekommen.

Die Erleichterung, so eine Hürde überwunden zu haben, gibt einem dann auch für ein paar Tage solche Glücksgefühle, dass man sich nur noch ganz, ganz wenig fragt, ob das Alles eigentlich irgendwie „normal“ sein kann.

Ende von Kapitel 2


Ankunft in der gelobten Stadt - Kapitel 1- Kapitelübersicht -Gaebler != Gabler = Mietschwindler - Kapitel 3


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6 Kommentar

  1. herrlich diese Zeilen zu lesen….bin selbst mit einem Amerikaner verheiratet und nach fast 30 Jahren Deutschland in die USA zurückgekehrt….haben den gleichen Spaß mitgemacht…..nur war die Einreise etwas leichter, ha, ha…. trotzdem musste ich nachweisen, dass ich mit ihm verheiratet bin und das nach 37 Jahren Ehe und als Ehefrau eines ehemaligen Soldaten, der 30 Jahre gedient hatte und er nun seit 10 Jahren als Ziviler weiter für das Militär arbeitet….. auch musste er als Staatsdiener sein Einkommen nachweisen um dem Staat zu versichern, dass er für mich sorgen kann und ich somit dem am. Staat nicht auf der Tasche liegen würde….man meint manchmal, dass man in einem Mickey Mouse Comic gelandet ist….der Amerikaner ist so paranoid geworden, dass man sich schon ab und an an den Kopf langen muss….wer kein Humor mit sich bringt ist hier verloren….
    eine Frage sei mir aber trotz allem gestattet…..wie gut habt ihr euch eigentlich vor dieser Auswanderung über die USA informiert und warum in aller Welt gerade Manhattan???? das ist doch wahrlich kein Platz für Kinder und wenn man sich nicht auskennt und in die falschen Viertel gerät kann es auch sehr ungesund ausgehen….. Großstädte sind voller Kriminalität in den USA und außerhalb doch für Kinder auch viel netter…. Manhattan ist gut fürs Nachtleben und Sightseeing….. kann ich wirklich nicht nachvollziehen

    • Hi Uschi, wir waren ja vorher ein paar Mal in New York und Battery Park ist schon eine ruhige Oase, auch für Familien mit Kindern, gewesen! Es gibt dort viele schöne Spiel- und Sportplätze, Grünflächen, zwei sehr gute Schulen und so weiter. Wir haben uns schon vorher intensiv damit auseinander gesetzt und eigentlich gehofft, dass das Alles sehr gut passen würde. Dass z.B. einer unsere Söhne die Leidenschaft für’s Tennis entdecken würde, konnten wir vorher nicht wissen. Auch nicht, was Du alles tun musst, um überhaupt eine Stunde Tennis spielen zu können. Da kommt später auch noch ein ganzes Kapitel drüber… Auch dass sich die Preise in New York für viele Dinge innerhalb von zwei Jahren verdoppeln würden, war für uns aus Dtld. nicht absehbar – vieles andere auch nicht. Das schreibe ich aber alles noch in den nächsten Kapiteln… Ja, das mit dem Mickey Mouse Comic ist ein lustiges Bild und Du hat vollkommen Recht, ohne Humor übersteht man das Alles nicht… 😉

  2. Moin!
    Hab gerade angefangen hier zu lesen – sehr schoen. Ich fuehle mich ein wenig an unsere eigene Ankunft hier. Im November haben wir 5jaehriges! Ohwei.

    Mit dem Creditscore hatte ich aehnliche Probleme – und leider keine AMEX um irgendwas zu uebertragen. Ich musste mir mit einer Kreditkarte helfen die einen Minimalrahmen von 200Dollarsen hatte um mich dann muehsam hochzuarbeiten 🙂

    So, weiterlesen…
    Holger

    • Moin, Holger! 😉

      Freut mich, dass es Dir gefällt.

      Den Score langsam hoch zu arbeiten, wäre für uns schwierig geworden… Unsere Kinder mussten ja zur Schule gehen und ohne feste, reguläre Adresse keine Einschulung – und ohne Credit Score keine Wohnung, zumindest in Manhattan, damit auch keine reguläre Adresse… Wir hatten überlegt in ein günstiges Hotel zu ziehen, aber die Schule hatte diese Möglichkeit gleich ausgeschlossen.

      Aber wir haben’s ja dann mit Hilfe von AMEX hin bekommen! 😉

      Grüße

      Wolfgang

  3. Sehr schön geschrieben. Interessanter weise haben wir bei unserem Hauskauf in Florida genau das Gegenteil erlebt, ich denke dass hier New York vielleicht ein Extrembeispiel ist. Handyvertrag, TV- und Internetanschluss problemlos erhalten. Bankkonto eröffnet und auch gleich eine Debitcard erhalten und das als „Tourist“. Es geht also auch anders !

    • Hallo Frank,

      Freut mich, dass es Dir gefällt.

      Ja, ich glaube New York ist bei vielen Dingen schon besonders strikt. Ich bin mir nicht sicher warum. Möglicherweise liegt es daran, dass dort so viele Menschen auf einem Fleck leben und man die irgendwie in den Griff kriegen muss.
      Unter anderem habe ich da noch so eine verrückte Geschichte mit dem Handy auf Lager, die ich später noch in ein Kapitel einbauen werde… 🙂

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