Morgens um 6 auf der Parkbank

Das war meine Aussicht morgens um 6 auf der Parkbank

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Kapitel 23

Es soll Menschen geben, die sich nicht vorstellen können, wie viel man tun muss, um ein guter Sportler zu werden und zu bleiben. Es soll außerdem Menschen geben, die Sport an sich für einen viel zu anstrengenden und vollkommen überflüssigen, sogar gefährlichen Zeitvertreib halten. Winston Churchill hat ja angeblich den Satz: „Sport ist Mord!“ zum Besten gegeben und wurde trotzdem 91 Jahre alt. Wie alt er wohl –mit- Sport geworden wäre?

Wer also zu der Spezies gehört, die Sport eher ablehnend gegenüber steht, sollte jetzt wirklich nicht weiterlesen. Mein wahrscheinlich schon ziemlich schräges Image eines bekloppten Deutschen, der unbedingt mal in New York leben musste, könnte in diesem Kapitel weiteren ernsthaften Schaden nehmen… 😉

Aber erstmal von vorne. – Als sehr junger Kerl, der nicht so recht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte, habe ich diverse Sportarten ausprobiert. Nach Moped fahren, Luftpistole schießen und Obst klauen, bin ich dann zuerst beim Judo gelandet – und war gar nicht mal so schlecht darin. Hatte ich schon erwähnt, dass ich sogar Kreismeister Nordschwarzwald geworden bin? Leider roch es aber in der Judo-Umkleide immer so streng und überhaupt waren viele Judoka nicht unbedingt auf meiner Wellenlänge, weshalb ich einen Sport suchte, der mir etwas bessere Duft-Erlebnisse bot und vielleicht sogar im Freien stattfand.

Irgendwann entdeckte ich glücklicherweise den Tennisclub in meinem Heimatort Malsch (Kreis Karlsruhe) und die dort vorhandene Ballwand. Da meine Leidenschaft in die Schule zu gehen, gerade durch wirklich furchtbare Lehrer „etwas“ gelitten hatte, verbrachte ich viele sonnige Morgenstunden an einer Ballwand im Malscher Tennisclub – ohne zu diesem Zeitpunkt schon Mitglied gewesen zu sein. Schön war auch, dass ich dort so früh in der Regel vollkommen alleine war und stundenlang meinen Lehrerfrust an der armen Wand auslassen konnte. Tatsächlich lernte ich dadurch in Rekordgeschwindigkeit recht ordentlich mein Racket zu beherrschen und durfte schon drei Monate später in der Jugendmannschaft des TC Malsch mitspielen.

Natürlich habe ich jetzt nicht vor, alle meine sportlichen Erfolge hier über mehrere Seiten auszubreiten… 😉 – In jedem Fall liebe ich Tennis seit dieser Zeit. Mein beruflicher Werdegang und die fehlende Zeit, ließen es aber leider über viele Jahre nicht zu Tennis zu spielen. Als ich dann nach ungefähr 20 Jahren wieder damit anfing, entflammte das alte Feuer sofort wieder und ich wollte gar nicht mehr aufhören.

Wer in einer tennisbegeisterten Familie aufgewachsen ist, weiß dass es deshalb auch vollkommen normal war unsere beiden Söhne schon im Alter von 3 Jahren in ein Hochleistungstennistrainingscamp von Jürgen Fassbender Junior in Eggenstein (bei Karlsruhe) zu stecken und sie dort mit viel übertriebenem Ehrgeiz über den Platz zu scheuchen. Natürlich nur um den verpassten Traum ihres Vaters, Wimbledon zu gewinnen, in die Tat umzusetzen…

Das war jetzt natürlich alles Blödsinn!

In der Tat haben aber alle unsere Kinder in Deutschland regelmäßig, einmal pro Woche, Tennis gespielt. Bei Dreijährigen sah das aber noch nicht wirklich nach Tennis aus. Spaß mit Bällen und Freunden ist, glaube ich, die korrektere Bezeichnung. Anjella spielte da schon besser, aber sie ist ja auch sieben Jahre älter als die Jungs.

Quentin hatte nach diesen anfänglichen Versuchen recht schnell seine Leidenschaft für sportliche Betätigungen entdeckt und fiel im selben Jahr an seinem vierten Geburtstag dadurch auf, dass er über eine Stunde unermüdlich versuchte mit einem Federballschläger für Erwachsene Federball zu spielen. Der Schläger war ungefähr so groß wie er und die Trefferquote war gering, aber er wollte und wollte nicht aufhören, bis Julian sein elfjähriger Mitspieler dann irgendwann zu uns an den Tisch kam und meinte, dass es einfach unglaublich sei mit welchem Ehrgeiz dieser kleine Kerl versuche seine Schläge zu verbessern – und dass er sich jetzt erstmal ausruhen müsste.

Auch nach unserem Umzug nach New York ließ mich das Tennisfieber nicht mehr los. Alle Plätze in unserer unmittelbaren Umgebung hatte ich bald abgeklappert und mir auch ein paar Spielpartner besorgt, was wirklich sehr einfach gewesen war.

Unter anderem spielte ich auch mit Kris, die immer besser wurde. Einmal die Woche traf ich mich außerdem mit Fabian auf den tollen Sandplätzen der Riverside Clay Tennis Association (96th Street) am Hudson River. Ich liebte es dorthin mit dem Rad zu fahren und war schon recht stolz, dass ich dafür nur rund 20 Minuten brauchte. Kein Taxi, kein Auto und keine Subway waren so schnell wie ich… 😉

Riverside Clay Tennis
Die schönste Tennisanlage auf Manhattan

Einziger Nachteil war, dass man ungefähr 1,5 Stunden vor Spielbeginn dort ankommen musste, um einen Platz für eine Stunde zu reservieren. Ich nahm mir dann immer ein Buch mit und setzte mich auf eine Parkbank mit Blick aufs Wasser, während ich auf Fabian wartete.

Der Blick von der Bank
Die „Aussicht“ von meiner anderen Tennis-Bank auf den Hudson River

Außerdem spielte ich noch mit Karen einmal die Woche in Chinatown, was mir auch immer sehr großen Spaß bereitete.

Im Sommer bei schönem Wetter war es wirklich toll draußen Tennis zu spielen und man vergaß fast, dass man sich gerade in der Millionenstadt New York City befand.

Auch in unserer unmittelbaren Nähe gab es immerhin 4 Hartplätze. Drei davon lagen sehr schön am Hudson River, hatten aber leider den Nachteil, dass man in der Regel 2-3 Stunden vor Spielbeginn dort sein musste, um sich schließlich in eine Reihe mit vielen anderen Spielwilligen zu setzen.
Jedes Pärchen durfte dann irgendwann genau eine Stunde spielen. Insgesamt lag der zeitliche Aufwand um auf diesen kostenlosen Plätzen, in nicht besonders gutem Zustand, Tennis zu spielen bei rund 3-4 Stunden inklusive Wartezeit und Anfahrt. Trotzdem gab es immer eine Unmenge von Leuten, die auf einen freien Platz warteten. Egal zu welcher Uhrzeit!

Tennis am Hudson River in NYC
Tennis am Hudson River in NYC

Ich persönlich glaube ja nicht, dass Tennisspieler einen Dachschaden von der vielen Sonne haben, aber wenn man das hier liest, liegt die Vermutung schon recht nahe…

Leider war die Platzknappheit überall in und um Manhattan die Gleiche. Egal wo man hinkam, war es richtig schwer einen Platz zu ergattern. Manche Plätze auf Manhattan konnte man im Sommer sogar für $15/Stunde online reservieren. Leider wurde die Reservierung dann aber z.B. Samstag Nacht um Mitternacht für die kommende Woche frei geschaltet. Um dann einen Platz zu reservieren, musste man, ja genau richtig vermutet, zur entsprechenden Nachtzeit vor dem Rechner sitzen und wie ein bekloppter New Yorker auf der Tastatur rum hämmern. Dumm war es auch, dass man dann nehmen wusste, was man eben mitten in der Nacht bekam – ohne seinen Spielpartner vorher ausführlich befragen zu können.
Kam man außerdem 15 Minuten zu spät zum besagten Termin, was in New York ja, wie schon früher erwähnt, aufgrund der Subway vollkommen normal ist, war der Platz trotz Reservierungsgebühr, die man natürlich nicht mehr zurück bekam, schon wieder vergeben.

Im Winter war das alles dann noch viel schlimmer. Nur sehr wenige Hallen kamen auf wahrscheinlich mindestens hunderttausend Tennisspieler, die gerne Preise von über $100 für eine Stunde (ohne Trainer) bezahlten und dafür sogar nach Brooklyn, in die Bronx oder nach Flushing Meadows „anreisten“.

Das machte alles nur bedingt Spaß…

Nun war es aber so, dass unser Sohn Quentin, genau wie sein Vater, immer tennisbegeisterter wurde. Er wollte eigentlich jeden Tag spielen und das war unter den oben genannten Umständen relativ schwierig.

Irgendwann fand ich aber eine „richtig praktische“ und nur für bekloppte Tennisväter geeignete Lösung.

Ein schön hergerichteter Platz direkt bei uns um die Ecke (Washington Market Park) konnte doch tatsächlich durch das persönliche Eintragen in eine Liste reserviert werden. Man benötigte dafür nur eine sogenannte „Tennis Permit“, eine Erlaubnis mit Spieler-Photo – sowie eine weitere, nachfolgend genauer beschriebene Spezialbedingung…

Das erste Mal als Kris und ich dort einfach so spielten, weil sonst gerade niemand auf dem Platz war, kam nämlich ein Parkwächter und klärte uns darüber auf, dass wir hier ohne „Permit“ und Eintragung in eine Liste, die an einer kleinen Hütte in einem kleinen Park in der Nähe hing, nicht spielen dürfen.

„Alles kein Problem!“ dachte ich und besorgte mir in der Stadt die relativ günstige Erlaubnis für nur $150 pro Jahr und Person. Am nächsten Tag machte ich mich gegen 9 Uhr morgens auf den Weg, mit dem Rad waren das nur 2-3 Minuten, und wollte mich in die Liste eintragen, die jeden Morgen um 7 Uhr frisch ausgehängt wurde. Sie hing an einem Häuschen, das irgendwie so aussah, wie ich mir immer das Hexenhäuschen in Hänsel und Gretel vorgestellt hatte.

Tja, die Liste war aber leider schon komplett voll, von 7 Uhr morgens bis zur letzten Stunde mitten in der Nacht von 23:00 bis 24:00 Uhr war alles belegt.

Unglücklich kam ich wieder nach Hause und nahm mir vor am nächsten Morgen schon um 8 Uhr los zu fahren. Das tat ich dann auch – und… die Liste war wieder voll. Unglaublich! Leider war niemand weit und breit zu sehen, den ich hätte fragen können.

Am Tag darauf stand ich um 7:30 Uhr vor der vollen Liste, dann wagte ich noch einen Versuch um ca. 7:05 Uhr, aber auch da hatte ich kein Glück. Ich konnte es einfach nicht glauben! War diese Liste vielleicht verhext oder hatte sich jetzt einfach das gesamte Universum gegen mich und meine Leidenschaft fürs Tennis verschworen? – Wenigstens traf ich dieses Mal jemanden, den ich fragen konnte.

Die nette Frau von der New Yorker Parkverschönerungsbehörde erklärte mir, dass ich deutlich vor 7 Uhr kommen müsse, um mich eintragen zu können. Ich verstand nicht?! Warum sollte ich deutlich vor 7 Uhr kommen, wenn doch die Liste erst um 7 Uhr ausgehängt wurde. „Ganz einfach…“ sagte sie, „… weil sich dann alle Spieler schon hier treffen und die Eintragung streng nach Reihenfolge, in der sie auf der Parkbank dort drüben sitzen, erfolgt.“ Tatsächlich standen dort mehrere Parkbänke, aber die am nächsten zur Liste war wohl die Wichtigste…

Aha! So war das also in der Millionenmetropole New York City. Zeit ist zwar angeblich Geld, aber manchmal ist Zeit eben auch nur Sitzfleisch, das man auf einer dämlichen Parkbank platziert, wenn man unbedingt Tennis spielen möchte.

Jetzt wusste ich wenigstens Bescheid. Leider ging diese elende Geschichte noch ein paar Tage weiter bis ich die morgendliche Ankunftszeit auf ca. 6:05 Uhr optimiert hatte. Nur dann war gewährleistet, dass die beiden Trainer, die hier auch noch Trainerstunden gaben und morgens lustigerweise genauso auf die Bank mussten, mir nicht die einzig mögliche Zeit weg schnappten, die ich mit Quentin spielen konnte.

Man setzte sich also auf die Bank und wartete mit allen anderen bis kurz vor 7 Uhr, bis der Mann oder die Frau mit der überlebensnotwendigen Liste kam, um sich ganz schnell einzutragen – und wieder nach Hause zu fahren. Wenn man Glück hatte regnete es am entsprechenden Tag noch nicht einmal zur eingetragenen Uhrzeit…

Meine
Meine „Bros and Sis“ von der Tennis-Parkbank

Übrigens gab es am Anfang auch Leute, die irgendwelche Studenten oder Stellvertreter zum Parkbank sitzen schickten. Das wurde dann aber von der Parkbehörde durch die strenge Kontrolle des Spielerausweises unterbunden. Reservierender und Spieler mussten von da an die gleiche Person sein. Außerdem durfte man nur eine Stunde pro Tag reservieren.

Eines morgens stritt sich ein tatsächlich arbeitender Mensch, die soll’s ja geben in New York City, mit einem der beiden Trainer so lautstark, dass ich wirklich dachte, dass ich jetzt zum ersten Mal in meinem Leben eine Schlägerei um eine Stunde Tennis erleben würde. Der arme Kerl, war ein ganz normaler Manager, der meinte, dass die Trainer hier gar keine Stunden geben dürften und den normalen Spielern pro Tag mindestens zwei Stunden wegschnappen würden. Das war nicht ganz unwahr, aber einer der beiden Trainer, John Jones, war derjenige ohne den es diesen Platz nie gegeben hätte… das geriet aber immer mehr in Vergessenheit, weil die tennisbegeisterte Meute sich täglich um den Platz balgte, wie eine Horde verspielter Bluthunde um einen nach Fleisch riechenden Tennisball…

Na ja – zum morgendlichen Parkbanksitzen könnte ich hier jetzt tatsächlich noch eine Menge schreiben und manchmal machte es ja auch sogar Spaß, weil man nette Gespräche mit vielen Leuten führte und auch öfter mal die zu spät Gekommenen trösten musste, aber unterm Strich war es schon vollkommen durchgeknallt.

New York City, die Stadt die niemals schläft, weil selbst Tennisspieler schon morgens um 6:00 Uhr auf der Parkbank sitzen müssen…

Leider hatte man aber überhaupt keine Wahl, wenn man wirklich spielen wollte. Entweder der morgendliche Kampf ums frühe Aufstehen oder 2-3 Stunden im Stau stehen – oder die gleiche Zeit in der Subway, um zum Beispiel etwas außerhalb in Flushing Meadows eine Stunde zu spielen.

Wenigstens war mein Sohn Quentin jetzt glücklich, weil er mit mir, immerhin fast jeden Tag, eine Stunde Tennis spielte. Das ich vor Müdigkeit manchmal kaum gerade ausschauen konnte, steht dabei auf einem anderen Tennisball… 😉 Immerhin ist er mittlerweile in Florida, der Junge mit den meisten Siegen in der Altersklasse der Boys 10 (10 Jahre und jünger).

Mein bedingungsloser Einsatz hat sich also eindeutig gelohnt! Spätestens wenn er dann endlich Wimbledon gewinnt… 😉

PS: Rafael wurde in diesem Kapitel kaum erwähnt, weil er ein begeisterter Anhänger der Winston Churchill Methodik ist… 😉

PSPS: Für alle, die sich nicht für Tennis interessieren: Flushing Meadows in Queens, NY ist der Austragungsort der US Open, eines der wichtigsten Tennisturniere weltweit.

New York von Flushing Meadows
New York von Flushing Meadows aus gesehen

Ende von Kapitel 23


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