Kapitel 30
New York, die Stadt der vielen Gesichter. New York, die Stadt für Gourmets und Gourmands. New York, die Stadt für Partygänger und Kunstinteressierte. New York, die Stadt für eigentlich alles, was man sich vorstellen kann, sogar für Naturliebhaber.
Rund um New York gibt es im wahrsten Sinne des Wortes jede Menge tolle Natur zu bewundern. Von den Hamptons, die sich östlich von Manhattan befinden, hatte ich ja schon berichtet und überhaupt alle Ausflüge nach Long Island haben uns immer viel Spaß bereitet.
Sogar die Kinder waren irgendwie immer begeistert, auch wenn es Rafael schon aus Prinzip immer viel zu lange dauerte bis wir ankamen.
Einen sehr schönen Ausflug nach Bear Mountain, will ich hier ebenfalls kurz erwähnen.
Dort fand nämlich im sogenannten Indian Summer, einer immer noch schön warmen und sonnigen Zeit im Oktober, ein deutsches Oktoberfest statt – und das lustige ist ja, wenn man im Ausland lebt, freut man sich plötzlich so richtig über diese kleinen oder großen Ereignisse, die einen an die deutsche Heimat erinnern.
Überhaupt der Begriff „Heimat“, in Deutschland konnte ich damit nie so richtig etwas anfangen. Ich habe mich selbst immer als Bewohner dieses Planeten gesehen und wollte nie in irgendeine territorial begrenzte Schublade gesteckt werden. Auch deshalb nicht, weil ich schon sehr lange der Überzeugung bin, dass wir einfach alle nur Menschen sind. Vollkommen egal, welche Hautfarbe wir haben oder Sprache wir sprechen. Natürlich gibt es nette und weniger nette Menschen, ehrliche und unehrliche, lustige und traurige und so weiter, aber in gar keinem Fall konnte ich etwas mit diesem spießigen Heimatbegriff anfangen, der eine Gegend, in der man rein zufällig geboren wurde, irgendwie zum persönlichen Besitz deklariert. Die Erde gehört niemandem und schon gar nicht uns Menschen.
Trotzdem verändert sich der Begriff Heimat, nach einer gewissen Zeit im „Ausland“ offensichtlich. Plötzlich freut man sich wie ein kleines Kind, wenn man im Supermarkt um die Ecke deutsche Gurken entdeckt oder in der Nähe ein richtiger Aldi eröffnet wird, der ganz viele deutsche Produkte führt. Man kommt im Ausland lustigerweise auch leichter mit Deutschen ins Gespräch – als in Deutschland, aber vielleicht liegt das daran, dass Menschen, die gerne reisen, der Welt und allem Fremden an sich schon offener gegenüber stehen.
In jedem Fall freute sich unsere ganze Familie zum „Oktoberfest“ am Bear Mountain bzw. Hessian Lake zu fahren. Hessian bedeutet übrigens „Hessisch“ und für einen Karlsruher isch Hessa grad um’d Eck… 😉
Rund eine Stunde Autofahrt hatten wir einkalkuliert und selbst Anjella war ganz aus dem Häuschen bei dem Gedanken endlich mal wieder eine deutsche Curry-Wurst zu essen. Frohen Mutes machten wir uns also auf den Weg und standen endlich mal nicht so lange im Stau, wie sonst immer. Die einzige Verkehrsengstelle war die George Washington Bridge im Norden von Manhattan. Ansonsten lief der Verkehr wirklich unnatürlich flüssig.

Wir hatten bestes Indian-Summer-Wetter erwischt und genossen die entspannte Autofahrt, die uns an diversen Stellen, durch die vielen bunten Laubbäume, an den Herbst in Deutschland erinnerte. Als wir am Ziel ankamen, fanden wir ohne Probleme einen Parkplatz und schlenderten in Richtung der Festzelte, die sehr malerisch direkt am Hessian Lake aufgebaut waren.
Es war angenehm un-voll und es gab alles, was das deutsche Herz oder der Bauch so begehrte – von Apfelstrudel bis Zwetschgenkuchen und natürlich jede Menge deutsches Bier. Anjella fand zwar leider keine Currywurst, aber es gab Bratwürste mit Kartoffelsalat, die auch sehr gut schmeckten. Eine urige Band spielte eine Mischung aus amerikanischer und deutscher Volksmusik, was nicht unbedingt meinem normalen Musikgeschmack entspricht, aber trotzdem sehr gut dorthin passte.
Wie man sich doch über viele deutsche Dinge freut, wenn man sie länger nicht mehr gesehen hat! Plötzlich kommt in einem sogar ein echter Humpen trinkender Bayer zum Vorschein, obwohl ich ja eigentlich in Freudenstadt geboren bin… 😉

Nachdem wir uns alle satt gegessen und Kris und ich etwas Radler getrunken hatten, machten wir uns auf, um die Gegend um den See herum zu Fuß zu erkunden.
Auf der anderen Seite des Sees gab es ein paar Schilder, die auf einen „Appalachian Trail„ hinwiesen und in den Wald zeigten.

Auch hier sah der Wald tatsächlich wieder wie ein deutscher Wald aus, nur war natürlich, typisch amerikanisch, alles vieeeeeel größer. Ganz ernsthaft! Die Bäume kamen mir mindestens vier mal so hoch vor, wie vergleichbare Laubbäume in Deutschland. Richtig schön bunt waren sie folgerichtig auch. Sogar die überall im Wald verteilten Felsbrocken, kamen uns größer und deutlich eindrucksvoller vor!
War das vielleicht die Auswirkung des deutschen Biers, das im Gegensatz zum amerikanischen ja ein paar Prozente mehr hat? Oder war es einfach die gute, frische Luft, die ganz sicher eine andere Qualität hatte als in der Stadt? Vielleicht war es aber auch die himmlische Stille, nur unterbrochen durch das Zwitschern von Vögeln und dem Säuseln des Windes!
Wahrscheinlich war es von allem etwas und zusätzlich so eine Art Sauerstoffüberversorgung, die es mir möglich machte, sogar Kris davon zu überzeugen, diesen Wanderweg zu beschreiten. Man muss dazu wissen, dass Kris vor langer Zeit, als sie noch recht jung und unerfahren war, zu einer Wanderung mit mir im Schwarzwald in High Heels aufgetaucht ist. Natürlich konnte ich mich damals vor Lachen nicht mehr halten, was dann dazu führte, dass sie von da an jede mit Wandern verbundenen Aktivität strikt ablehnte.
Heute war das aber ganz anders und sogar unsere Kinder, die garantiert kein deutsches Bier getrunken hatten, wollten diesen Wald erkunden. Wir liefen und liefen immer weiter in den Wald hinein und den Berg über beeindruckende Steintreppen hinauf. Es waren sehr wenig andere Wanderer unterwegs, weil die ja alle das leckere deutsche Bier leer trinken mussten.
Urplötzlich sprang Anjella entsetzt zur Seite, weil sie in einem Busch eine schwarze Schlange entdeckt hatte. Die Schlange hatte ihren Vorderkörper aufgerichtet und sah’ schon irgendwie gefährlich aus. Quentin wollte sie am liebsten genauer untersuchen, was wir aber nicht so richtig gut fanden. Wir hatten ja keine Ahnung, ob es sich dabei um irgendeine Giftschlange oder doch eher eine harmlose Blindschleiche handelte. Mutig, wie damals Indiana Jones, schlichen wir uns an ihr vorbei und setzen unsere Entdeckungsreise nichtsdestotrotz weiter fort.
Bären hatten wir noch keine gesehen, auch wenn der Namen „Bear Mountain“ auf die Gegenwart dieser möglicherweise hungrigen Spezies hindeutete. Aktuell sah ich jedoch nur einen kleinen Jungen, der sich wie ein hungriger Bär, namens Rafael, weiter den Berg hinauf schleppte.
Wenn man mit offenen Augen durch die Natur geht, gibt es ja so viel zu entdecken! Wir machten Millionen interessante Fotos, von denen ich heute teilweise nicht mehr genau weiß, was darauf jetzt wirklich zu sehen sein soll, aber das Erlebnis an sich war definitiv, im positiven Sinne, weit entfernt von einem touristischen Ausflug zum hektischen und lauten Times Square.
Rafael dachte aber leider irgendwann nur noch darüber nach, wo sich denn jetzt der nächste Imbiss-Stand im Wald verstecken würde. Wir schafften es glücklicherweise, ihn mit der Behauptung, dass es bestimmt auf dem Gipfel etwas zu essen gäbe, bis ganz nach oben zu locken. Leider gab es dort un-glücklicherweise gar nichts Essbares, lediglich einen Aussichtsturm… Rafael fühlte sich übers Ohr gehauen und verlieh dieser Einschätzung lautstark Nachdruck. Aber woher hätte ich denn wissen können, dass es hier oben keinen McDonald’s gibt? 😉
Der Großteil der Familie genoss in jedem Fall die „optische“ Aussicht, die so friedlich, grün und still zu unseren Füßen lag. Keinerlei hupende Fähren, weit und breit!!

Rafael genoss derweil die „essbaren“ Aussicht, dass wir uns bald auf den Rückweg zu den Festzelten begeben würden – und der Abstieg, weil abwärts, etwa doppelt so schnell voran gehen dürfte, wie ich ihm erfolgreich vermitteln konnte.
Trotzdem war ich happy, meine Familie endlich mal gemeinsam zum Wandern gebracht zu haben. Mein Papa, der gerne und viel gewandert ist, wäre sicher stolz auf mich gewesen!
Um das hier einmal ganz klar zu sagen, auch für den Fall, dass mein Rafael dieses Buch irgendwann lesen wird… Rafael ist ein wirklich liebenswerter Junge, der viel Mitgefühl für andere besitzt, oft schmust und einfach gerne mal was Leckeres zwischen den Zähnen hat. Ein Genießer eben – und viele Genießer halten Wanderungen, die die 15 Minuten Grenze überschreiten, natürlicherweise für einen ihren Grundprinzipien widersprechenden Vorgang. 😉
Dennoch haben wir auch den Rückweg geschafft. Aufgeputscht durch den vielen frischen Sauerstoff waren wir alle ziemlich gut drauf, um jetzt nicht sogar „high“ zu schreiben. Als wir unten am See ankamen, wollte Rafael erstmal ein Eis aus einem Automaten. Quentin und Anjella natürlich genauso. Da sich Quentin am schnellsten entscheiden konnte, welches Eis er haben wollte, zog ich seins zuerst aus dem Automaten. Dummerweise zeigte der Automat direkt danach „Error“ an… Da das hier nur ein geschriebenes Buch ist, kann ich dem Leser aber glücklicherweise die Lautstärke der Rafael’schen Unmutsäußerungen vorenthalten. Was für ein Theater! Warum hatte immer Rafael dieses Pech wenn es ums Essen ging?
Mit der Geschwindigkeit eines New Yorker Rettungswagens und der Lautstärke einer menschlichen Kindersirene machten wir uns auf den Weg zurück zum Oktoberfest und konnten dort, Gott sei Dank, Rafaels Einstellung zur Ungerechtigkeit des Lebens auf diesem Planeten wieder gerade rücken. Nachdem er dann auch ein Eis bekam, ließ er mich plötzlich wissen, dass das heute ein ganz toller Tag gewesen sei… 😉
Ja, aber warum heißt dieses Kapitel denn jetzt „Bei den Walen“ und nicht „Auf dem Oktoberfest“? Die Antwort ist ganz einfach: Das nennt man künstlerische Freiheit – und je mehr man an so einem Buch schreibt, umso mehr hält man sich ja für einen Schriftsteller, also einen Künstler der Worte – und Künstler genießen die unendliche Freiheit des Geistes und dürfen bekanntlicherweise mehr oder weniger alles. Auch falsche Überschriften über Kapitel schreiben, um der Welt damit zu zeigen, dass sie, im Gegensatz zu allen anderen, nicht im New Yorker Hup-Inferno verrückt geworden sind… 😉 (Kris meinte gerade, das würde einfach daran liegen, dass ich so eine „Labertasche“ wäre und sehr gerne mal ausführlichst vom Thema abschweifen würde… ;-))
Ach, Quatsch! Ich wollte einfach einen großen Bogen von den Bergen im Norden von New York zum Meer im Süden der Millionenmetropole spannen.
Tatsächlich sind beide Attraktionen mit dem Auto nur rund eine Stunde von Manhattan entfernt und bieten wirklich tolle Erlebnisse, die ich sehr empfehlen kann. Vor allem, wenn einem die Stadt dann irgendwann zu viel wird – was mit großer Sicherheit nach einiger Zeit eintritt.
Um dieses Kapitel jetzt nicht zu sehr zu einem Dia-Abend verkommen zu lassen, bei dem die Gastgeber sich ununterbrochen über die eigenen Bilder und Erlebnisse freuen, während die Gäste nur noch mit Mühe ihre Müdigkeit unterdrücken können, fasse ich das tolle Walerlebnis in der freien Natur hier einfach kurz zusammen… (Für Christoph und Yvonne: Natürlich lieben wir eure spannenden Dia-Abende… 😉 )
Von Manhattan aus kann man die „American Princess Cruises“ in jedem Fall sehr gut mit dem Auto in knapp über einer Stunde erreichen.

Mit einem relativ kleinen Boot und einer angenehmen Zahl von anderen Wal-Spannern fährt man dann auf den Atlantik hinaus. Dort wartet an einer verabredeten Stelle ein großer Fischschwarm, um sich von einem Wal verspeisen zu lassen. Bevor der Wal aber so richtig aus dem Wasser springt, schießen die Wal-Spanner ganz viele Fotos von gekräuseltem Wasser, in der Hoffnung, dass sich dort möglicherweise ein Wal aus den Fluten erheben könnte. Wenn der Wal dann wirklich springt, hört man auf dem Boot ganz viele Wal-Spanner vor Freude „Ahhh“ und „Ohhhh“ in ganz vielen verschiedenen Sprachen rufen.
Das Ganze ist schon ein sehr beeindruckendes Naturschauspiel, besonders wenn sich zusätzlich ein paar Verrückte dem Wal mit einem Miniboot nähern und von ihm beinahe zum Kentern gebracht werden. Wenn auch halbwegs professionelle Fotografen auf dem Boot sind, gibt es auch ein paar scharfe Fotos von dem Wal – und – den gefressenen Fischen.
Der Fotograf gewinnt dann eine Gratis-Fahrt mit dem Walboot in einem Fotowettbewerb und hat leider mal wieder keine Zeit daran teil zu nehmen, weil er so viele andere Dinge zu tun hat, bei denen er immerhin etwas Geld bekommt und wahrscheinlich weiterhin sein Visum behalten darf. Am Abend geht dann die Sonne unter – und es endet ein weiterer toller Tag im Tackatucka-Nu-Jork-Siddi-Land. Alle schlafen friedlich und mit Glücksgefühlen im Bauch ein, werden am nächsten Morgen aber vom normalen Fährenwahnsinn wieder sehr früh geweckt…
Noch Fragen? 😉
PS: Mittlerweile ist das Oktoberfest am Hessian Lake wohl aus Platzmangel umgezogen und soll bei weitem nicht mehr so schön sein wie es damals war! Nachdem ein paar weitere Ameisen, wie wir, den Weg dorthin gefunden hatten, kamen nämlich wie üblich auch alle anderen Ameisen auf die gleiche Idee – und jetzt ist dort nur noch ein unschöner neuer Zement-Ameisenhaufen und keine malerische Oktoberfestatmosphäre mehr.
PSPS: Den Norden, Süden und Osten von New York hatte ich schon im Buch erwähnt. Auch im Westen von New York gibt es natürlich eine sehr schöne Gegend mit ganz vielen Seen rund um den Lake Hopatkong. Dort waren wir zu einem tollen Kindergeburtstag eingeladen. Mit dem nachfolgenden Bild möchte ich aber den Dia-Abend für heute (vorerst) beenden… 😉

Ende von Kapitel 30
Die hupende Sinnlosigkeit des Seins - Kapitel 29- Kapitelübersicht -Naked in New York with Victoria - Kapitel 31
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Ich freue mich immer schon auf Deine schönen Geschichten. Die Bilder, die Du machst lassen einen richtig mit träumen. Leider sind unsere Kinder schon groß, so dass wir alle von unseren tollen Ausflügen nur noch erzählen können. Unser Sohn hatte auch immer Hunger beim Wandern. Das wichtigste für ihn war dann die Einkehr. Auch heute kommt er noch mit in den Urlaub, obwohl schon 26 Jahre. Ihr macht das schon richtig. Kinder erzählen von solchen schönen Ausflügen noch im Erwachsenenalter. Tolle Familie seid Ihr.
LG
Diana Hiob
Hi Diana,
Da bin ich aber froh, dass wir da nicht alleine sind mit unserem hungrigen Sohn… 😉 – Vielen Dank für die netten Worte! Ja, ich bin auch sehr gespannt, wie lange unsere Kinder bei uns rumhängen werden… 😉
LG
Wolfgang