Kapitel 33
Je länger ich an diesem Buch schreibe, umso deutlicher merke ich, dass ich noch so viel zu berichten hätte. Tatsächlich ist nämlich immer noch viel mehr passiert, als in ein ganz normales Kapitel passt, aber ich will ja auch nicht, dass man beim Lesen irgendwann einschläft, außer es wurde von einem ordentlich zugelassenen amerikanischen Arzt für Tausend Dollar pro fünfminütiger Untersuchung entsprechend verordnet… 😉
Der Unternehmer in mir muss in jedem Fall noch (mindestens) ein Kapitel über meine Unternehmungen in Gotham City schreiben, auch deshalb, weil ich andere davon abhalten will, die gleichen Fehler, wie ich, zu machen… Das ist ganz sicher nicht leicht und in der Regel funktioniert es auch überhaupt nicht, wenn man seinen Kindern oder seinen Lesern sagt, dass sie die Hand nicht auf die heiße Herdplatte legen sollen. Sie werden es trotzdem tun und sich dann erstmal heftig die Finger verbrennen. Die Mama oder der Papa, also der Schreiber dieses Buches und seine Frau, haben dann ein schreiendes Kind oder einen schreienden Leser und müssen alles wieder irgendwie gerade biegen, was manchmal geradezu unmöglich ist… 😉 Von den Spätfolgen, wie Blasen oder heraus geworfenem Geld für einen Umzug nach Traumstadt-City, ganz abgesehen… 😉
Aber jetzt erstmal zurück nach Deutschland, in die beschauliche und ziemlich grüne Beamtenstadt Karlsruhe.

Dort entstand ja meine Idee mit einem Video-Business in den USA Fuß zu fassen und/oder es wenigstens für das Visum irgendwie zu versuchen. Da ich schon einige Erfahrung in meinem bisherigen Unternehmerleben gesammelt habe, war mir von Anfang an wichtig meinen zulässigen Tätigkeitsbereich so weit wie möglich zu fassen. Das Problem war nämlich, dass man mit unserem E-2 Visum nur genau der Tätigkeit nach gehen darf, die man auch bei den amerikanischen Behörden angemeldet hat.
Will man zum Beispiel vom Geflügelzüchter plötzlich auf Tofubauer umsatteln, ist das nicht erlaubt ohne das Visum möglicherweise sogar zu verlieren. Insofern habe ich das Thema bei der Beantragung des Visums weitreichend ausformuliert und unter anderem auch den Vertrieb und die Entwicklung von Video-Equipment und -Software mit in die Anmeldung geschrieben, was glücklicherweise von niemandem bemängelt wurde.
Mit diesen schwammigen Begriffen kann man ja fast alles machen, dachte ich mir und suchte noch in Deutschland nach Video-Equipment, das ich in den USA vertreiben könnte. Mr. Google half mir dabei und es dauerte nicht lange, bis ich etwas fand, was mich traf wie ein Millionenwatt-Foto-Blitz. Nachdem ich mich vom Blitz-Einschlag erholt und meine Haare wieder schön gerichtet hatte, wie wenn es da viel zu richten gäbe…, nahm ich Kontakt zu einer Firma in Berlin auf, die einen Kolumbus suchte, der für sie die USA erobern sollte.
Ich fühlte mich von der ersten Sekunde an kompetent genug, um das mit Links zu erledigen, weil ich die Produkte der Firma wirklich sehr spannend fand. Es handelte sich um richtig professionelle und teure Kamera-Drohnen, die zu dieser Zeit noch ziemlich am Anfang standen.
Das Potential dieser Technologie, mit der man Videos für relativ wenig Geld aus der Luft aufnehmen konnte, hatte ich sofort erkannt. War es damit doch beispielsweise auch ganz problemlos möglich die Nachbarin im Garten beim Baden zu filmen… 😉
Nein, nein, in diesem Fall handelte es sich ja um professionelle Drohnen – und das mit der Nachbarin wäre ja nicht wirklich professionell, solange sie nicht in einem Film mitspielt, bei dem sie splitterfasernackt in den Pool steigen und das Ganze dann, aus einem anderen (professionell) interessanten Kamerawinkel bis ins Detail, festgehalten werden muss.
Ich flog also wegen der lüsternen Nachbarin sogar sofort nach Berlin und traf mich mit dem Geschäftsführer der Drohnen-Firma. Wir hatten ein sehr nettes Gespräch und ich war, glaube zumindest ich, auch in der Lage entsprechend überzeugend zu schildern, warum ich der einzig Richtige für den landesweit exklusiven USA-Vertrieb sei.
Gut, ich hatte keine Ahnung von Drohnen, aber ich hatte eine Vorstellung, wie ich „The Land of the Free“ mit Drohnen überschwemmen wollte.
Als wir dann in New York angekommen waren, führte ich relativ bald diverse Gespräche mit potentiellen Teilhabern und Mitarbeitern. Unter anderem traf ich auch einen meiner früheren Mitarbeiter, Mario, wieder, der für meine Computerspiele-Firma gearbeitet hatte und jetzt immer noch in der gleichen Branche, in der Nähe von New York sein Unwesen trieb.
Ich knüpfte außerdem Kontakt zu einem in der Computer-Animationsbranche erfolgreichen Deutschen, Joerg, der auch sehr schnell Feuer und Flamme war mit mir zusammen die USA zu erobern. Joerg arbeitete schon lange für eine Firma, die für die wirklich großen Marken, Animationen unter anderem für TV-Werbung machte. Er schwärmte vom Leben in New York und wir hatten sofort eine richtig gute „Connection“ zueinander.

Dann traf ich einen echten Drohnen-Piloten und -Pionier, Gary, der in seinem Haus auf Long Island, den ganzen Keller voll mit Drohnen hatte und ein richtiger „Macher“ war und immer noch ist.
Ich war richtig „happy“ und dachte ich hätte da eine tolle Truppe zusammen, mit der ich so richtig was bewegen könnte.
Leider war aber die amerikanische Flugbehörde FAA vollkommen anderer Meinung und verhinderte den legalen kommerziellen Einsatz von Drohnen bis auf weiteres. Anscheinend hatten zu viele Drohnen-Piloten bei der Nachbarin über die Hecke geschaut… und leider auch teilweise den Flugverkehr an Flughäfen gefährdet. Außerdem gab es öffentliche Veranstaltungen und militärische Sperrzonen, die von unvorsichtigen Drohnenpiloten überflogen worden waren. Unter anderem legte eine Drohne eine Bruchlandung auf dem Rasen des weißen Hauses hin, obwohl Michelle Obama gerade gar nicht gebadet hatte… 😉
Auch Gary, der Drohnenpilot hatte an einem Video mitgewirkt, das überall in den Nachrichten gezeigt worden war: „Flying People in New York City“. In dem Video flogen Drohnen, die von weitem aussehen wie fliegende Menschen, vor der Kulisse von New York City, was für eine Menge Aufsehen und Aufregung sorgte, auch weil die Drohnen-Technik noch sehr neu war und viele von weitem wirklich dachten fliegende Menschen zu sehen.
Das alles hatte dazu geführt, dass die Bürokraten, die natürlich nur das Aller-Allerbeste für uns alle wollen, jegliche kommerzielle Nutzung von Drohnen in den USA unter Strafe gestellt hatten. Das Freizeit-Drohnen immer noch fliegen durften, fand ich zwar recht seltsam, aber Gesetze und Verordnungen müssen ja nicht logisch sein, sie müssen einfach befolgt werden. Jawohl, Herr Kommandant!!
Der Berliner Drohnen-Firma-Geschäftsführer versuchte aber gleichzeitig, auch als schon vollkommen klar war, dass ein Vertrieb und Verkauf von Profi-Drohnen für $20.000 ohne Flugerlaubnis schwierig werden dürfte, mich unter Druck zu setzen. Ich sollte nämlich ab sofort die hohen monatlichen Gebühren für die Erwähnung als amerikanischer Vertrieb bezahlen. Vorsorglich hatte ich aber in den Vertrag geschrieben, dass ich das nur tun würde, wenn der Vertrieb und Verkauf der Drohnen in den USA legal wäre. Das war er aber definitiv nicht und leider verfestigte sich in mir Ansicht, dass die Berliner Firma lediglich jemanden suchte, der ihnen möglichst hohe monatliche Lizenzen bezahlte – obwohl vollkommen klar war, dass ich vorerst in den USA überhaupt kein Geld damit verdienen konnte. Insofern kam es zum Bruch und zur Auflösung der Partnerschaft, die so verheißungsvoll mit der Nachbarin im Garten begonnen hatte.
Joerg, Mario, Gary und ich wollten aber noch nicht aufgeben und träumten aus den unterschiedlichsten Motiven von einer Fortsetzung unserer Allianz.
Joerg wollte ganz offensichtlich raus aus seinem Job, den er jetzt schon für rund 10 Jahre machte, weil er sich von den Eigentümern bei der Beförderung und Beteiligung übergangen fühlte. Mario wollte in den warmen Süden ziehen und sprach schon beim ersten Gespräch von der Eröffnung einer Filiale im Süden der USA – und Gary wollte endlich seine eigenen Drohnen bauen. Ich wollte vorrangig mein Visum, das ohne Umsatz nach 2 Jahren auslaufen würde, aufrecht erhalten. Okay, zusätzlich etwas wirtschaftlicher Erfolg, wäre auch für mich nicht ganz schlecht gewesen… 😉
Wir alle trafen uns immer wieder zu netten Meetings, bei denen Ideen ausgetauscht wurden, aber nichts Konkretes dabei heraus kam. Ein wenig kam es mir immer vor, wie wenn sich ein paar freche Jungs treffen würden, um sich zu überlegen, wie sie den BH von der Nachbarin stehlen könnten, aber leider ganz ohne Nachbarin und ohne konkreten Plan.
Alle Gespräche verliefen einfach im Sand von Sandy Hook und blieben bei reinen Absichtserklärungen. Jeder erwartete wahrscheinlich, dass ich jetzt mal schnell eine Drohnen-Produktionsanlage aus dem Boden stampfen würde, aber ohne davon irgendeine ernsthafte Ahnung zu haben.

Ohne jetzt dieses für Nichtunternehmer eher einschläfernde Thema weiter ausführen zu wollen… jede/r der/die noch wach ist, schreibt mir bitte genau jetzt einen Kommentar… 😉 … aber leider beschlich mich bald das Gefühl, dass unsere Treffen nicht durch eine gewisse Freundschaft oder eine gemeinsam Idee motiviert waren. Vielmehr kam es mir so vor, wie wenn alle in mir eine Art potentiellen Retter und Investor in die eigene, persönliche Zukunft sahen – und als ich nicht so richtig „einfach mal“ Geld ohne Sinn und Zweck ausgeben wollte, wurde ich auch wieder recht schnell uninteressant.
So ist das eben im knallharten Kapitalismus. Nur Bares ist Wahres!
Das Leben kann schon grausam sein! Und seit damals verdrücke ich jeden Abend eine Träne, weil es in diesem Leben vielleicht gar keine echten Freundschaften, sondern nur materielle Zweckgemeinschaften gibt.
Och nööö! So sollte dieses Kapitel jetzt wirklich nicht enden! Es gibt natürlich – echte – Freundschaft und ich habe glücklicherweise ein paar echte Freunde seit vielen Jahren. Menschen, auf die ich mich verlassen kann und die sich auf mich verlassen können. Menschen, die zu einem stehen, in guten und schlechten Zeiten, bis die Unendlichkeit uns scheidet…
Aber… solche Menschen in New York zu finden ist schwer. Berufliche Freundschaften sind dort, zu einem definitiv deutlich höheren Prozentsatz als in Karlsruhe oder Barcelona, nur aus der Notwendigkeit geboren, Geld zu verdienen. Einerseits ganz normal, weil jeder was zu essen und ein Dach über dem Kopf braucht, andererseits aber ziemlich unschön, weil man nie weiß, woran man mit den Menschen um sich herum eigentlich ist.
In jedem Fall irgendwie absolut nichts für mich! Wahrscheinlich bin ich eben doch ein unverbesserlicher Romantiker, der glaubt, dass sich alle Menschen lieben und gemeinsam ganz viele tolle, erfüllende Dinge tun sollten. Nein, das war jetzt wirklich keine Anspielung auf die Nachbarin… 😉

Leider hab’ ich auch heute immer noch tausend Ideen, was ich alles noch in meinem Leben machen könnte – und meine Ideen-Datenbank wird auch weiterhin regelmäßig gepflegt, aber jetzt schreibe ich erstmal dieses Buch fertig… 😉
PS: Im privaten Bereich hatten wir ja zum Glück sehr nette Freunde in New York City gefunden, mit denen wir auch heute noch in Kontakt sind. Wenn das Leben letztendlich nur aus Geldgier bestehen würde, müsste ich damit aufhören… und mir eben eine andere Beschäftigung suchen. 😉
PSPS: Die lüsterne Nachbarin gibt es in der „echten“ Realität bedauerlicherweise gar nicht. Ich habe lediglich, vor langer Zeit ein, meine Entwicklung offensichtlich prägendes, Buch gelesen, das diesen Titel trug… Man findet es immer noch auf Amazon, obwohl Amazon damals noch tief im brasilianischen Regenwald auf seine Gründung wartete.
PSPSPS: Wer ja auch bei uns im Haus wohnte, war die superhübsche Doutzen Kroes, die ich in einem früheren Kapitel schon mal erwähnt hatte… Ein Klick auf diesen Link lohnt sich für alle Männer, die das letzte PSPS etwas enttäuschend fanden… 😉
Ende von Kapitel 33
Eine Familie im Großstadtdschungel - Kapitel 32- Kapitelübersicht -Dein letzter Wille - Kapitel 34
Fragen jeder Art bitte als Kommentar stellen!
Hallo Wolfgang,
ich hänge mit dem Lesen ein wenig hinterher und ich mache Meldung, Nichtunternehmer ist nicht eingeschlafen 😉
Spannend kurzweilig und glücklicherweise habe ich mir keine Seifenblasen für NY aufgepustet, die jetzt zerplatzen würden. Ich mag deine Bilder und wenn du mal mit dem Schreiben fertig bist, bietest du einfach Fotokurse an. Aber diese Idee hast du bestimmt auch schon in schlaflosen Nächten…
Viele Grüße, Michaela
Hallo Michaela,
Ich bin sehr froh, dass Du das Kapitel wach überstanden hast… 😉 und freue mich, immer wieder, über die netten Komplimente!
Ja, mal schauen, was ich als nächstes mache! Wie gesagt, die Ideenliste ist bald länger, als der Bart des Methusalem… oder so… 😉
Liebe Grüße
Wolfgang