Kapitel 40
Jeder vernünftige Mensch, was auch immer das genau ist, hat sich in seinem Leben sicher schon einmal die Frage gestellt, ob der Aufwand, den man für etwas betreibt das Ergebnis rechtfertigt.
Ich hatte meinem Traum in New York zu leben geschickt mit anderen Dingen verknüpft, wie der Notwendigkeit eine Schule für unsere Kinder zu finden, die ihnen das Leben etwas leichter machen sollte. Wir hatten diese Schule tatsächlich in New York gefunden und waren sehr froh, das sie ganz sicher eines unserer Kinder davor bewahrt hatte im deutschen Schulsystem komplett auf der Strecke zu bleiben.
Die Battery Park City Schule in New York war und ist die beste Schule, die unsere Kinder je besucht haben. Eine deutsche Privatschule in Barcelona, die Anjella mal ein Jahr mit ihrer Anwesenheit beehrte…, mit eingerechnet.
Leider ist aber so eine Schule eben nur ein Teil des Lebens. Was bringt einem die beste öffentliche und damit kostenlose Bildungseinrichtung der Welt, wenn die Lebenshaltungskosten ein Vielfaches dessen betragen, was man für sich selbst noch als angemessen und vernünftig ansehen kann bzw. auszugeben bereit oder in der Lage ist?!
Tolle Restaurants, tolle Konzerte, tolle Museen, tolle Veranstaltungen, tolle Sehenswürdigkeiten und tolle Menschen, dafür aber unendlich teure Wohnungen, extrem hohe Lebenshaltungskosten und nur 0,0000016 Tennisplätze pro Tennisspieler in der Innenstadt… 😛
New York ist ganz sicher wahnsinnig spannend, wenn man sich dort als Tourist eine begrenzte Zeit aufhält, aber wer glaubt, dass sich das Leben in NYC wesentlich und im positiven Sinne von dem Leben in Karlsruhe unterscheidet, hat einfach eine ziemlich rosarote Brille auf. So wie ich damals… 😉
Jetzt bin ich ganz sicher ein sehr begeisterungsfähiger Mensch, der sich über viele kleine und große Dinge freuen kann und in jedem Fall sieht man in New York mehr Erstaunliches in einer Woche als in der deutschen Provinz in zehn Jahren… aber zu welchem Preis?
Viele, auch wohlhabende Familien, die wir dort kennen lernten, leben in NYC auf engstem Raum zusammen und treten sich gegenseitig auf die Füße oder nehmen sich gegenseitig die Plätze in den begehrten Restaurants, die Monate im Voraus ausgebucht sind, weg.
Braucht man das wirklich? Sollte das Leben daraus bestehen durch die Gegend zu hetzen, ununterbrochen von Lärm umgeben zu sein und morgens um 6 Uhr auf der Parkbank zu sitzen, weil man auch gerne mal Tennis spielen möchte?
Um nicht immer alles auf Frank Sinatra zu schieben, sogar Madonna hatte mal in ihrem Song „I love New York“ die Zeile gesungen, die ich Kris jahrelang verbal unter die Nase gehalten hatte: „New York is not for little pussies who scream.“ „Willst Du wirklich eine kleine heulende Pussie sein, die zu schwach ist um in New York zu leben?“ hatte ich sie immer wieder „ein wenig“ manipulativ gefragt.
Ich weiß, das war gar nicht nett – aber ich habe ja jetzt auch meine gerechte Strafe dafür bekommen. Mein Traum von der wundervollen Großstadt New York war geplatzt, wie die wahnsinnig schöne Vorstellung, die man sich vom allerersten Kuss macht, bis man es dann das erste Mal tut und nicht genau weiß, was man denn jetzt mit seiner Zunge und dem ganzen Geschlabber anfangen soll… 😉
Klar, man wir dann erfahrener und plötzlich entdeckt man, dass das „Thema“ irgendwie recht interessant sein kann… trotzdem sind ganz sicher die wenigsten Menschen noch mit dem Partner zusammen, mit dem sie sich das allererste Mal geküsst haben.
Für mich ging nach diesem ersten Kuss damals auch eine Welt unter, als mich meine erste richtige Freundin nach ungefähr 1.5 Jahren in die Wüste geschickt hatte, unter anderem weil ich zu dieser Zeit definitiv ein unendlich nervender, überheblicher, pubertärer Kotzbrocken war… In der vollkommen normalen und auch gesundheitlich notwendigen rückblickenden Selbstverklärung war ich natürlich ein wahnsinnig rebellischer Establishment-Verachter – und da meine Freundin damals aus dem dörflichen Establishment und einer Apothekerfamilie kam, konnte das natürlich nicht wirklich auf die Dauer gut gehen… 😉
Aber es war die erste Freundin und die ist auch rückblickend immer etwas Besonderes. Egal wie man sich mit Hilfe der lebensnotwendigen Vergesslichkeit das Leben von damals schöner macht als es möglicherweise wirklich war, irgendwann ist der frische Lack eben ab und man erkennt, dass das alltägliche Leben leider nicht aus diesem anfänglichen Verliebtsein besteht, sondern härteste, männliche Arbeit erfordert… 😉
Liebe emanzipierten Frauen, jetzt bitte nicht laut aufschreien, weil ich „männliche“ geschrieben habe… dieses Buch ist aus der Sicht eines einfach denkenden Mannes geschrieben, der es sich selbst nach so langer Zeit auf diesem Planeten nicht anmaßt, die ungleich komplexere und bezauberndere Psyche des weiblichen Wesens wirklich zu verstehen… 😉 – obwohl ich mir manchmal alle Mühe gebe.
In jedem Fall ist New York eine Stadt, in der man unbeschwert leben kann, wenn man über ein unendliches Reservoir, nein, nicht von Geld, sondern von stimmungsaufhellenden Drogen verfügt oder einfach jeden Tag vergisst, was alles Blödes am Vortag passiert ist.
Die Positivdenker werden jetzt sicher einwerfen, dass ich aus einem ihnen vollkommen unbekannten Grund (Habt ihr das Buch hier etwa nicht richtig gelesen?), irgendwann verlernt habe die schönen Dinge wahrzunehmen und wertzuschätzen.
Genau das glaube ich aber eben nicht…
Es ist einfach nichts Positives für einen Garagenstellplatz $2000 pro Monat zu bezahlen oder täglich im Stau oder der Subway festzustecken. Ja, man kann dann in der Subway Bücher auf dem Kindle im Stehen lesen oder im Auto fremde Sprachen per Podcast lernen… das habe ich beides schon versucht, aber wenn man an dem Tag gerne noch etwas anderes machen würde und man sich dummerweise eine Stunde länger, mit anderen Auto fahrenden Leidensgenossen, im Schneckentempo auf der Straße herum treibt, als man eigentlich möchte, ist das einfach gar kein bisschen mehr lustig oder irgendwie positiv.
Und ich behaupte ganz ernsthaft, dass es niemanden, egal ob ganz arm oder ganz reich, in New York gibt, dem nicht an jedem einzelnen Tag irgendein zeitraubendes und/oder nerviges Erlebnis den eigentlichen Tagesplan versaut.
Früher war das vielleicht mal anders! Aber wir leben ja nicht früher, sondern heute! Und heute muss man der Einwanderungsbehörde eben 2200 Seiten Papier liefern, bis sie endlich, aus einem logisch überhaupt nicht mehr nachvollziehbaren Grund, bereit ist, eine mehr oder weniger harmlose fünfköpfige Familie als „aufnahmefähig“ anzusehen…
Wie wir es auch drehten und wendeten, New York war ganz sicher keine eierlegende Wollmilchsau… oder anders ausgedrückt… eine Stadt mit viel Licht wirft mindestens genauso viel Schatten, wenn nicht noch mehr!
Und als wir uns dann auf die Wohnungssuche gemacht hatten und dabei immer weiter nach draußen auswichen, stellten wir uns natürlich die Frage, ob wir jetzt ernsthaft in die New Yorker Provinz ziehen wollten… dann hätten wir ja gleich zu Hause in Karlsruhe bleiben können.
Wir diskutierten und machten uns weitreichende Gedanken, wenn unsere herzallerliebsten Störenfriede, auch Kinder genannt, mal nicht um uns herum waren, zum Beispiel auf der Wohnungssuche.
Wann ist das eigene Leben lebenswert? Muss man dafür mit vielen Prominenten in einem Haus wohnen? Braucht man wirklich warmes Wasser oder ist frisches Gebirgsbachwasser nicht doch was viel schöneres – und vor allem kostenlos? Warum rennen wir alle, wie die Ameisen in der Gegend herum und kaufen laufend neue Schuhe, Kleider, Schmuck und so weiter? Natürlich braucht man als Mann ab und zu eine neue Stereoanlage und eine noch tollere Kamera, das ist aber was vollkommen anderes… 😉
Wer ernsthaft glaubt, dass man allein durch einen Umzug nach Irgendwo glücklich wird, der wird eines Tages aufwachen und entgeistert feststellen, dass das Glück niemals von Dingen oder Orten abhängt. Glück und Zufriedenheit kann man nur in sich selbst finden. Die sind nicht auf dem Times Square oder dem Central Park unter Menschenmassen oder einem Felsen vergraben.
Trotz all der abgehobenen philosophischen Gedanken stand unsere – ganz irdische – Entscheidung, wohin wir uns verändern wollten, dringend an und der Plan war uns in jedem Fall das Leben wieder „ein wenig“ leichter machen.
Wir wollten nicht mehr täglich im hupverwöhnten Sirenengetöse im Ameisenautostau stehen oder um unerreichbare Konzerttickets oder einen belagerten Tennisplatz wie die Raubtiere kämpfen. Drei mal hatte ich in den zwei Jahren vergeblich versucht Tickets für ein Patti Smith Konzert zu bekommen…
Wir wollten jetzt ein bisschen Frieden…, Freude und Eierkuchen und vielleicht noch Sonne, Meer und Strand… insofern fiel unsere Wahl folgerichtig auf:
MIAMI!!!
Bevor es aber richtig losging, hatten wir natürlich noch so einiges zu erledigen. Quentin ging noch für ein paar Wochen ins unheimlich „kostengünstige“ John McEnroe-Sommer-Tennis-Camp auf Randall’s Island und hatte dort einen Riesenspaß. Kurz vor unserem Abflugtag, bekamen wir dann unglücklicherweise noch eine Einladung bei einem kleinen intimen Tennisturnier dabei zu sein, das zusammen mit dem Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic, Quentin’s absolutem Idol, stattfinden sollte. Da würden wir aber schon in Miami sein…
Ich hab’s bis heute nicht übers Herz gebracht, Quentin diese Geschichte zu erzählen. Ich bin mir sicher, er würde mich auf der Stelle enterben oder eher ent-vatern… insofern bitte ich auch alle Leser ihm gegenüber diese Geschichte niemals zu erwähnen, zumindest solange Novak noch nicht Quentin’s persönlicher Trainer ist, was wir erst für das Jahr 2020 geplant haben… 😉

Die letzten Tage in New York waren natürlich noch stressiger und hektischer als sonst, da ja unser Hab und Gut eingepackt und irgendwie nach Miami verfrachtet werden musste.
Als wir dann endlich im Flugzeug nach Miami saßen und davon schwebten, hatte ich schon ganz schön wehmütige Gefühle. Nein, ich habe nicht geheult… aber wir ließen doch wieder so einiges hinter uns. Vieles was wir in den letzten zwei Jahren erlebt hatten, zog vor meinem inneren Auge vorbei, auch die neu gewonnenen Freunde…
Egal!!! Bestimmt würden wir am Strand in Miami ein paar neue interessante Frauen… äh… Menschen kennen lernen und ganz viel Spaß haben – im ewigen Sommer – auf den leicht verfügbaren Tennisplätzen direkt am Meer.
Was für eine wunderschöne Vorstellung!
Ich war auch sehr froh, dass Frank „der Lügner“ Sinatra über Miami noch nie einen Song geschrieben hatte. Bestimmt weil er dort immer nur entspannt in seinem Liegestuhl in der Sonne lag und beim beruhigenden Rauschen des unendlich blauen Meeres ganz langsam, aber sicher, eingeschlafen war, bevor er überhaupt an einen neuen Song denken konnte…
Unsere Zukunft sah plötzlich so blau und sonnig aus, das Meer rauschte und ich konnte nicht anders… Ich traf mich mit Frank im Land der verheißungsvollen Träume und sang ihm ganz leise den Song von Will Smith vor…
„Here I am in the place where I come let go
Miami the base and the sunset glow
Everyday like a mardi gras, everybody party all day
No work all play, okay…“
Ob wenigstens unser Kurzzeit-Ex-Nachbar Will Smith Recht hatte?

PS: Die ersten Kapitel des nächsten Buchs „Welcome to Miami!“… 😉 – gehen demnächst online!
PSPS: Für alle, die den Song von Will Smith nicht kennen….
PSPSPS: Hatte ich eigentlich schon mal mein schönes Video über Karlsruhe irgendwo eingebunden?
PSPSPSPS: Patti Smith war übrigens auch mal in Karlsruhe aufgetreten und zwar eine Woche nach unserer Abreise nach New York. Wie mir berichtet wurde, war es überhaupt kein Problem dafür Karten zu bekommen!!!
Das ist das ENDE!
Auf der Suche nach dem Traumschloss - Kapitel 39- Kapitelübersicht -Prolog (Der Anfang vom Buch!)
Fragen jeder Art bitte als Kommentar stellen!
Hallo Wolfgang!
Danke für die schönen NewYork-Geschichten!!
Jetzt freu ich mich aber schon auf die Berichte von MEINER Lieblingsstadt! Da beneide ich euch jetzt richtig! In Miami zu wohnen ist ein Traum!
Liebe Grüße Ulla
Hey Wolfgang,
da wäre ich erst gar nicht auf die Idee gekommen hinzuziehen 🙂
Miami……..
ob das wirklich besser wird oder ist?
Ich hab da so meine Zweifel.
Also ich bin gespannt!
Liebe Grüße aus dem beschaulichen Uruguay.
3.3mio Einwohner hat das ganze Land.
Peter