Dies und Das und Gentrification

Nebel auf dem Hudson

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Kapitel 38

In zwei Jahren in New York erlebt man vieles, sehr vieles, vielleicht sogar unendlich vieles… manchmal fühlt man sich wie in einer Endlosschleife á la „Täglich grüßt das hupende Fährentier!“ und an anderen Tagen passiert so viel auf einmal, dass man todmüde mit der letzten hupenden Fähre ins Bett fällt. Also ich meine natürlich „nach“ der letzten hupenden Fähre… 😉

In jedem Fall lernt man fast täglich irgendetwas Neues dazu. Zum Beispiel, dass man an Weihnachten den Angestellten in einem ehrenwerten Gebäude, wie dem unseren, mindestens $2.000,- (zweitausend Dollar!) Weihnachtsgeld gibt. Nicht jedem einzelnen glücklicherweise, aber insgesamt… Das funktioniert folgendermaßen: Man bekommt ungefähr 4 Wochen vor Weihnachten eine Liste vom Management mit den Namen aller Angestellten zugesendet und soll dann einzelne Briefumschläge vorbereiten mit mindestens $50 in jedem Umschlag. Zuerst hielten wir das für einen Scherz, aber nachdem wir andere Mitbewohner befragt hatten, wussten wir, dass das vollkommen ernst gemeint war. Zweitausend Dollar war dabei so etwas wie die Untergrenze… und bewog mich dazu auf jede Form von Weihnachtsgeschenken, für mich, ab diesem Zeitpunkt zu verzichten.

Jetzt muss man sich mal überlegen wie viele Familien in unserem Gebäude wohnten und diese Zahl mit mindestens $50 multiplizieren. Da kommt schon ein schönes Sümmchen jenseits der zehntausend Dollar pro Angestelltem zusammen, aber das soll auch so sein, weil die Haus-Angestellten in der Regel nicht so gut vom Management bezahlt werden und dann mit Hilfe der Haus-Bewohner die soziale Gerechtigkeit wieder hergestellt wird.

Gelernt haben wir auch, dass unsere deutsche (private) Krankenversicherung unseren Jahresbeitrag einfach mal mit 2,5 multipliziert kann, nachdem wir in den USA ankamen und wir ab sofort über 16.000,- Euro im Jahr bezahlen durften. Was aber nicht etwa dazu geführt hat, dass irgendwelche Arztrechnungen schnell und zügig beglichen wurden. In der Regel bekamen wir nichts oder nur wenig erstattet, weil Überweisungen aus Deutschland nach Amerika anscheinend einfach nicht so einfach sind…

Trotzdem waren wir ganz froh diese „furchtbar billige“ deutsche Versicherung zu haben, weil ich einmal recherchiert habe, was uns denn eine KV mit ähnlicher Leistung in New York kosten würde. Jetzt muss man dazu wissen, dass die Kosten für die KV in den USA davon abhängen, wo genau man wohnt – und da in New York bzw. auf Manhattan nur Menschen mit Gelddruckmaschinen wohnen, sollten wir ungefähr $3.000,- bis 5.000,- (drei- bis fünftausend Dollar) – pro Monat – für eine Familienversicherung mit ähnlicher Abdeckung wie unsere deutsche KV bezahlen. Also gerade mal läppische $36.000 bis $60.000,- pro Jahr.

Gelernt haben wir auch, dass zu viele Menschen auf diesem Planeten und in Städten leben und es in New York deshalb ununterbrochen irgendwo irgendwelche Staus gibt. Auch nachts übrigens. Man muss nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein, d.h. irgendwann innerhalb von 24 Stunden irgendwo, dann wird man mit seinem Auto im Stau stehen und sich ausrechnen, dass man pro Jahr ganz locker mindestens 10-20 volle Tage im Stau steht, anstatt mit seiner Liebsten (und/oder seinen Kindern) das Leben am Strand in Miami zu genießen… 😉

Jetzt werden manche einwerfen, dass man als New Yorker in New York doch Subway fährt. Ja, das stimmt, die meisten New Yorker fahren tatsächlich mit der Subway und trotzdem sind die Straßen laufend verstopft. Außerdem, man kann es sich vielleicht schon denken, ist auch die Subway zu bestimmten Uhrzeiten so voll, dass man nur noch etwas Öl einfüllen müsste und schon könnte man alle Wagons als proppevolle Ölsardinendosen verkaufen.

So richtig toll ist es auch sich im Winter, eingepfercht zusammen mit den anderen öligen Sardinen, an den Haltegriffen festzuhalten, weil man hier nämlich regelmäßig irgendwelche Viren in den Nacken geblasen bekommt, während man gleichzeitig auch noch Millionen anderer von diesen umtriebigen Wesen über die Festhaltemöglichkeiten in sich aufnimmt. Man könnte die Ölsardinendosen-Subway dann auch in „GripalerInfektVerteiler“ umbenennen. Irgendwann habe ich ernsthaft darüber nachgedacht eine Art klappbaren Halteklammer zu erfinden, mit der man sich in der Subway festhalten kann, ohne irgendwas berühren zu müssen. Klar, könnte man dafür auch Handschuhe anziehen, aber das würde im Frühjahr, Sommer und Herbst komisch aussehen und deshalb würden dann Millionen meine „Subway-Clamp“ benutzen und ich würde selbst nur noch mit dem Hubschrauber fliegen, wegen der vielen Millionen, die ich damit verdienen würde – You know?! 😉

Aber die Subway ist nicht nur anti-schön, wenn sie richtig voll ist. Toll ist es auch, wenn man zu vermeintlich ruhigeren Zeiten dringend irgendwo hin muss, wie zum Beispiel zum Tennis nach Flushing Meadows und dann feststellt, dass mehr oder weniger alle Linien, die dort hin fahren wegen Umbauarbeiten gerade heute still gelegt wurden. Ich weiß gar nicht, wie oft uns das passiert ist. Teilweise sind wir deshalb am Times Square ausgestiegen und mit dem Taxi weiter gefahren, das – natürlich – sofort wieder im Stau fest steckte…

Bei viel Regen und besonders auch bei Schnee, egal wie viel, bricht zwangsweise immer das komplette Verkehrssystem zusammen. Den Grund dafür müsste man wahrscheinlich mal wissenschaftlich untersuchen, aber möglicherweise liegt das einfach nur an der großen Freude der Ameisenmenschen in Pfützen zu springen und damit den Verkehr aufzuhalten…

Nachdem ich ja das Aktionsbündnis gegen die hupenden Fähren gegründet hatte, stellte ich fest, dass ich nicht wirklich allein war… In New York gibt es zum Beispiel auch eine Gruppe, die gegen die vielen fliegenden Hubschrauber kämpft. Auch die werden immer mehr – und viele davon fliegen nicht etwa irgendwelche reichen Börsenmakler oder „Subway-Clamp“-Hersteller durch die Gegend, sondern ganz normale Touristen, die den Ameisenhaufen unbedingt mal von oben ansehen müssen. Das ist ja irgendwie auch okay, aber über manche Neighborhoods fliegen sie so oft, dass es ununterbrochen „vrrrrrummmmmm“, „vrrrrrummmmmm“, „vrrrrrummmmmm“,„vrrrrrummmmmm“, „vrrrrrummmmmm“ macht – und das ist für die Anwohner einfach irgendwann kein richtiger Spaß mehr. Es sei denn man hat einen kleinen King Kong als Haustier, der die vielen kleinen Hubschrauber-Fliegen einfach mal so vom Himmel klatscht…

Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber in New York City leben zu viele von uns Menschenkindern – und es werden irgendwie immer mehr. Das mag auch daran liegen, dass viele davon erzählen was für eine tolle Stadt diese Agglomeration von Beton doch sei.

Genau deshalb habe ich jetzt dieses Buch geschrieben, um mit diesem hochgejubelten sinatraschen Vorurteil endlich Schluss zu machen und die Wahrheit ans gnadenlose Tageslicht zu bringen.

So sieht es aus in New York
So sieht es aus in New York!
Und nur ganz selten so...
Und nur ganz selten so…

Zugegeben, es kann auch faszinierend sein, wenn man auf der Straße in Tribeca plötzlich neben Marius Müller-Westernhagen steht und sich erstens wundert, dass er plötzlich größer zu sein scheint als er auf der Bühne immer wirkte und er zweitens – plötzlich – eine andere Frau an seiner Seite hat. Für alle jüngeren Leser… einfach mal „Pfefferminz“ in Spotify eingeben… 😉 – und dann vielleicht doch eher mal „Sexy“ oder „Freiheit“ anhören… 😉 – das war ein berühmter Sänger (und Schauspieler) aus meiner Jugend…

Pierce Brosnan (James Bond oder Remington Steele) hatte ich ja auch mal mit Marianne getroffen, weil sie Mitglied in einem elitären Kinofilmzirkel ist, der Filme ansehen darf bevor sie irgendwo im Kino erscheinen oder für einen Oskar nominiert werden. Dafür sitzt man dann in einem relativ kleinen Kino, das für Normalsterbliche nicht zugänglich ist, mit sehr bequemen und großen Plüschsesseln im Sony-Gebäude. Nach der Vorführung kommen die Darsteller sogar zum Diskutieren in den Raum und sitzen direkt vor einem. Sie sind tatsächlich überhaupt nicht scheu und man kann richtig mit ihnen sprechen. Solche Dinge sind natürlich irgendwie beeindruckend und cool – und davon kann man in New York ziemlich viele erleben. Man sieht diese „Promis“ wirklich immer wieder und das gibt einem das Gefühl auf irgendeine Art und Weise ein Teil ihrer bunten Glitzerwelt zu sein, die man so in Deutschland fast gar nicht kennt. Okay, einmal saß ich neben Udo Lindenberg im Flugzeug – auf einem innerdeutschen Flug… aber in New York kann man eben auch Cameron Diaz in der Subway treffen – und wenn ich jetzt den Sex Appeal von Udo und Cameron vergleichen müsste, würde der Spruch „Alter vor Schönheit“ leider augenblicklich seine Daseinsberechtigung verlieren… Sorry, Udo!

Verrückt ist es auch, wenn man an Weihnachten den megabunt blinkenden Rockefeller Center Tree und die wirklich kreativ geschmückte 5th Avenue zusammen mit ein paar Millionen anderen Menschen gesehen hat und kurz danach nach Deutschland fliegt, solange man noch keine Visa-Probleme hat… Zum einen kommt einem dann in „Good old Germany“ plötzlich alles so wahnsinnig farblos und grau vor und zum anderen hat man ständig das Gefühl, dass irgendwelche Außerirdischen einen Großteil der deutschen Bevölkerung aufgefressen haben müssen, weil die Straßen und die Weihnachtsmärkte irgendwie so unheimlich leer sind, im direkten Vergleich zur Megacity in Amerika.

Kommt man dann wieder zurück in das neue Zuhause in den USA fühlt sich das einerseits gut an, weil einen so viele deutsche Freunde um das Leben in NYC beneidet haben, aber andererseits beschleicht einen auch das Gefühl, dass in der Abwesenheit noch eine Million neuer Einwohner hinzu gekommen sind.

NYC ist wirklich eine kreative Stadt, in der die einen nach kreativen Möglichkeiten suchen ihre Miete zu bezahlen und die anderen beispielsweise einen „Cronut“ erfinden, eine Mischung aus Doughnut und Croissant, für die die New Yorker wirklich jeden Tag Schlange stehen und der Erfinder einfach mal so $5 pro Wundergebäck verlangen kann. Vom Gewinn kauft er sich dann mal schnell einen Hubschrauber und macht „vrrrrrummmmmm“, „vrrrrrummmmmm“, „vrrrrrummmmmm“,„vrrrrrummmmmm“, „vrrrrrummmmmm“ über den Häusern von Menschen, die deshalb keine Ruhe mehr finden…

Erlebt haben wir auch noch etwas anderes, das uns dann nach rund zwei Jahren immer mehr aus der Stadt getrieben hat, nämlich die sogenannte „Gentrification“. Ja, ich kannte dieses Wort auch nicht, bis ich davon gelesen habe, weil es nämlich überall in Manhattan stattfindet. Es handelt sich dabei um die regelechte Vertreibung von normalen Ameisen durch fette Bonzen-Ameisen, die mehr Ameisenkohle haben als die normalen Ameisen. Wie genau geht aber das Ganze von statten? Ganz easy… Zum Beispiel wird ein großes Gebäude einfach an eine Oberameise verkauft, die ihr Geld zum Beispiel mit dem Herstellen von fliegenden Cronuts verdient hat. Dann wird das Gebäude irgendwie verschönert und schon kann man ungefähr doppelt so viel Miete verlangen – oder es baut einfach jemand neben dran einen der größten Ameisenhaufen der Welt und nennt ihn „One World Trade Center“. Dadurch steigen die Immobilienpreise innerhalb kürzester Zeit um 100% und die Mieten werden einfach mit der Fertigstellung jedes Ameisenhaufen-Stockwerks in der ganzen Gegend entsprechend „angepasst“. Schon ziehen ganz viele Ameisen in die Vororte, wo dann das Gleiche wieder passiert. Das geht so lange weiter bis endlich alle Ameisen in Miami angekommen sind… Darüber schreibe ich aber mehr in meinem nächsten Buch… 😉

Tatsächlich gab es wahrscheinlich kaum einen Tag, an dem in unserem Gebäude nicht jemand ein oder auszog – und nach rund zwei Jahren hatte es auch uns erwischt.

Unser Vermieter sah nämlich die Möglichkeit unsere Wohnung mit einem extrafetten Gewinn an einen Studenten (!) aus China zu verkaufen. Eigentlich dachte ich ja mal das Chinesen Kommunisten seien und sich gar nichts aus Geld machen würden, aber das ist offensichtlich schon etwas länger her. Dass die Immobilienpreise kräftig gestiegen waren seit wir in New York lebten, bekamen wir an jeder Ecke mit, auch weil in unserem Gebäude die Makler ein und ausgingen. Insofern waren wir leider nicht allzu verwundert, als wir irgendwann die Nachricht bekamen, dass jemand unsere Wohnung besichtigen wollte, weil sie zum Verkauf stünde. Ach, hätten wir uns doch damals in 2005 als wir uns das erste Mal Wohnungen in dem Gebäude angesehen hatten, auch dazu durchgerungen es Leo nachzumachen und uns eine nette kleine Wohnung „gegönnt“. Der Wert hätte sich seit dieser Zeit ungefähr vervierfacht… Mensch, davon könnten wir uns soooo viele Cronuts kaufen, aber dann wären wir fett geworden und das wollten wir einfach nicht… man könnte also auch sagen, dass wir aus Cholesterin-Gründen auf dieses Unterfangen verzichtet haben.

Ja, aber jetzt wollte dieser zwar nette, aber ganz schön junge Mann aus dem Reich von Mao Tse-tung da einziehen, wo wir mit unserer süßen Familie wohnten… – und in unserem Gebäude gingen ganz plötzlich so viele Menschen aus dem Reich der Mitte ein und aus, dass ich eines Morgens auf dem Weg zur Lobby nur noch asiatisch aussehende Lebewesen gesehen habe! Im ersten Jahr nach unserem Einzug kann ich mich nicht an einen einzigen erinnern.

Man könnte es auch so ausdrücken… die Chinesen sind einfach cleverer als der Rest der Welt. Die brauchen keinen Krieg um die Welt zu übernehmen… Die vermehren sich einfach ganz oft und verdienen dann ganz viel Geld, das sie sogar auch noch direkt – aus – Amerika bekommen und damit kaufen sie sich folgerichtig – in – Amerika die schönsten Ameisencity-Wohnungen. An vollgestopfte U-Bahnen sind sie ja schon aus China gewöhnt… 😉

Das ist nur die Sonne, die sich da so spiegelt!
Das ist nur die Sonne, die sich da so spiegelt!

Ende von Kapitel 38


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