Mit Karsten auf dem Dach

Ganz oben in New York City

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Kapitel 28

Wie schon erwähnt, kann man in New York in kurzer Zeit viele interessante Menschen kennen lernen. Einen sehr netten Deutsch-Kroaten namens Karsten hatte ich damals bei meinem Interview bei Marianne für „Hallo New York!“ kennen gelernt.

Da alle New Yorker immer auf der Suche nach dem schnöden Mammon, andere nennen es auch Penunze, Kohle oder Zaster… sind, bleibt man oft, nachdem man sich kennen gelernt hat, irgendwie in Kontakt. Es könnte ja ein Job dabei rausspringen…

Positiver ausgedrückt, bleibt man auch in Kontakt, weil es einfach angenehm ist, sich hin und wieder mit anderen Geldsuchern und Goldwäschern zu unterhalten und zu treffen, um über die neuesten Goldgruben und möglichen Edelsteinfunde im „Kohle“-Bergwerk New York zu sprechen. Außerdem fühlt man sich dann nicht mehr ganz so alleine, wenn gerade mal wieder kein Job genügend Geld abwirft um davon auch nur ansatzweise die Miete zu bezahlen.

Geteiltes Leid ist eben halbes Leid. Dagegen kann man kein Geld zwar mathematisch teilen, aber das Ergebnis bleibt immer noch Null-Geld im Geldbeutel.

Leider ist man sich gerade wegen der Kohle in New York nie so ganz sicher, ob der Kontakt jetzt nur wegen des potentiellen Geldverdienens und/oder auch wegen einer gewissen Sympathie aufrecht gehalten wird. Ein weiterer Grund, warum ich in New York oft an meine Verwandten in der ehemaligen DDR denken musste. Klar, hält man besser zusammen, wenn man einen gemeinsamen Feind oder eine gemeinsame Not hat. Es hört sich natürlich ziemlich lustig an, die kapitalistische Welthauptstadt New York mit der doch eher nicht ganz so weltoffenen, sozialistischen DDR zu vergleichen, aber Gefühle müssen ja nicht immer logisch sein, außerdem werden mich alle Leser ganz sicher verstehen, wenn ich in einem späteren Kapitel auf unsere Visa-Situation zu sprechen komme.

In jedem Fall hatten Karsten und ich Kontakt gehalten und uns auch zum Kaffee trinken getroffen.

Irgendwann bekam er einen Auftrag, der zumindest für mich keinerlei Bezahlung brachte, aber sich trotzdem spannend anhörte. Er hatte einen Photo-Shoot mit der Band „Living Colour“, die in den 80ern auch international erfolgreich war. Ich sollte mit ihm zum Termin gehen und das Ganze auf Video dokumentieren und zusätzlich Photos von ihm bei der Arbeit aufnehmen.

Wie schon mal erwähnt, gibt es in New York unendlich viele Leute, die immer wieder für Nullkommanichts arbeiten, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben, dass ihnen die dadurch entstehenden Kontakte weiter helfen auf der Karriereleiter irgendwo hin zu klettern. Im besten Fall natürlich nach ganz, ganz oben… 😉

Ich fand seine Einladung super, weil ich einfach unheimlich gerne überall mal reinschnuppere und natürlich hatte auch ich im Hinterkopf, dass daraus vielleicht irgendwann etwas werden würde, was man dann „ordentliches“ Business nennen könnte.

Auf der Fahrt zum Studio in Brooklyn erzählte mir Karsten dann noch von der Idee, dass ich – mit ihm und über ihn – eine Reportage filmen solle. Ich wusste mittlerweile, dass Karsten viel auf den Dächern von New York unterwegs war und dort herausragende Fotos mit sündhaft teuren Mamiya Kameras machte.

Allein schon die Aussicht mit ihm dort hoch zu steigen und New York von ganz oben zu sehen, fand ich sehr verlockend. Außerdem erzählte er mir, bei einer leicht chaotischen und hektischen Taxifahrt durch New York, dass er viele Dächer mehr oder weniger ohne offizielle Erlaubnis eroberte. Das weckte natürlich sofort den Indiana Jones in mir. „Geile Idee, das mit der Reportage! Das machen wir!“ sagte ich und Karsten war richtig glücklich darüber.

Aber jetzt ging es erstmal zu „Living Colour“. Im Studio in Brooklyn angekommen, wurden wir sehr freundlich begrüßt und Karsten war offensichtlich ein guter Freund der ganzen Gruppe. Nach einer kurzen Besprechung mit der Band, legten sie los und probten, was das Zeug hielt. Allein das war schon sehr, sehr cool!

Tolle Musik und hautnah berühmte Musiker filmen, das machte mir wirklich Spaß.

Living Colour and Karsten
Living Colour and Karsten

Nach der musikalischen Probe begann Karsten mit den Gruppenaufnahmen und kommandierte die Band herum, wie ich es von ihm gar nicht erwartet hätte. Er war richtig gehend unermüdlich. Kein Winkel, keine Einstellung die er nicht eingefangen hätte. Mir gefiel das! Ein echter New Yorker Profi-Fotograf am Werk – und ich war auch dabei.

Als wir wieder nach Manhattan fuhren, lobte ich ihn noch überschwänglich für die professionelle Arbeit.

Eigentlich sollte ich die gemachten Videos dann noch irgendwie zusammen schneiden. Aus Zeitmangel, der in New York ja vollkommen „unüblich“ ist und wegen anderer schlecht bezahlter Jobs, kam ich aber nicht dazu.

Karsten fragte mich trotzdem ein paar Wochen später, ob ich Lust hätte, mehr oder weniger spontan, auf einen Wolkenkratzer in der Innenstadt zu steigen und ihn dabei zu filmen. Natürlich hatte ich, wie schon oben erwähnt, darauf Lust!

Wir trafen uns vor dem Gebäude, das sich ganz in der Nähe vom Times Square befindet und gerade von außen renoviert wurde. Als ich dort ankam, hatte ich schon die Befürchtung, dass wir jetzt das Gerüst hochsteigen müssten. Das waren ja nur geschätzte 50 Stockwerke. Aber alles kein Problem für den Spiderman in mir! Wo hatte ich nur mein blödes Kostüm gelassen? 😉

Karsten hatte aber auch kein Batman-Kostüm an und erklärte mir, dass wir den Wolkenkratzer auf ganz legale Weise per Aufzug erklimmen würden.

Er hatte außerdem Terry mitgebracht, eine sehr nette älteren Freundin von ihm, die ich schon bei den „Living Colour“ kennen gelernt hatte. Sie sollte ihn zusätzlich zu meinem Videodreh bei der Arbeit fotografieren.

Terry arbeitete früher übrigens direkt mit Bürgermeister Bloomberg zusammen, worüber wir auf der Heimfahrt von Brooklyn eine längere Unterhaltung geführt hatten. Wie schon mal festgestellt, an jeder Ecke lernt man in New York interessante Menschen kennen und sie war definitiv auch einer davon.

Mit einem hundsgewöhnlichen Aufzug machten wir uns also auf den Weg ins Dachgeschoss des Gebäudes, in dem schon der Hausmeister auf uns wartete.

So ein Mist! Da hatte ich mich auf die spannende, ultra-geheime-ins-Haus-schleich-Aktion gefreut und mich schon zu Hause wie ein extrem jugendlicher Action-Held gefühlt – und jetzt fuhren wir einfach mit einem Aufzug aufs Dach. Langweeeeiiiilig, wie mein Sohn Rafael jetzt gesagt hätte.

Da war er mal wieder der Unterschied zwischen der gefühlten und der echten Realität.
Als extrem junger Superheld, der mit seinem Batmobile auf dem Dach von Gotham landen würde, verlies ich Battery Park City und als (mittel-)alter Aufzugfahrer (aber ohne Hut!) kam ich am Times Square an…

Wenigstens waren wir auf dem Weg nach oben! Nach ganz, ganz oben! Okay, das war schon mal was… 😉

Im letzten Stock angekommen, nahm uns der Hausmeister in Empfang und führte uns durch das Dachgeschoß, das mich eher an die Fabrikhalle einer deutschen Firma erinnerte, in der ich irgendwann im letzten Jahrtausend mal gearbeitet hatte. Das mit dem Jahrtausend war jetzt gerade leider gar kein Witz, wie ich selbst entsetzt feststelle….

Am Ende der Halle, die auch ein richtiges Büro mit großen Glasfenstern beherbergte und in der mehrere Arbeiter unterwegs waren, gab es eine Treppe, die nach oben ins Headquarter von Gotham City führte. Zumindest wollte meine Fantasie das so sehen!

Für den Fall, dass es jemand vielleicht nicht wissen sollte. Gotham City ist die Stadt, in der Batman sein Unwesen treibt… 😉 – und New York war tatsächlich die Vorlage dafür!

Auf dem Weg zum Dach kamen wir an einer Öffnung vorbei, die den Blick auf einen im wahrsten Sinne des Wortes abgrundtiefen Schacht frei gab. Der Schacht war so tief, wahrscheinlich ungefähr 50 Stockwerke, dass das Ende in unendlicher Entfernung zu sein schien. Da wollte ich in jedem Fall nicht hinunter fallen, was aber bei den Abmessungen von schätzungsweise vier mal vier Metern ganz einfach möglich gewesen wäre.

Abgrundtief...
Abgrundtief…

Wir hatten die Tür am Ende der Treppe erreicht und der erste Schritt auf das windige Dach war dann trotzdem wirklich richtig atemberaubend. Das Gebäude lag ziemlich nah zum Empire State Building und einigen anderen bunt leuchtenden und blinkenden Hochhäusern.

Da war zwar kein Batman Headquarter, aber von hier oben sah die Stadt schon verdammt cool aus. Eisenbahn-City pur. Ich musste an meinen verstorbenen Papa denken. Das hätte er sicher auch noch „ein wenig“ besser gefunden als die Eisenbahn bei uns im Keller.

Das ganze Dach war voll mit Drähten und Schnüren, Antennen und Klimaschächten. Irgendwie auch ein netter Platz um Verstecken zu spielen, aber schon beim Gedanken daran meine Kinder hier oben herum springen zu lassen, hatte ich Nervenschmerzen am ganzen Körper.

Rund herum gab es zwar ein fragil aussehendes Geländer, aber je näher man dem Abgrund kam umso stärker fühlte man die Tiefe. Außerdem konnte dieses Geländer ohne Probleme überwunden werden und Karsten stellte die Vorderfüße seines Kamerastativs sogar außerhalb des Geländers auf einen kleinen Vorsprung.

Karsten bei der Arbeit
Karsten bei der Arbeit
So viel zu fotografieren!
So viel zu fotografieren!

Der Hausmeister hatte uns einen Aufpasser mitgeschickt, weil es definitiv kein idealer Ort für schusselige Menschen war. Überall waren Stolperfallen und Dinge unter denen man sich durchknien oder über die man steigen musste.

Je dunkler es wurde umso cooler wurde die ganze Szenerie. Wir hatten nicht das beste Wetter, was aber gerade in der Dunkelheit alles noch viel mystischer machte. Das Empire State Building war umwoben von Nebelschwaden und leuchtete wie immer ganz geheimnisvoll in die Nacht hinaus.

Ich drehte mich um und sah auf das beeindruckend funkelnde Glitzermeer New York City hinaus. Warum nur löst ein solcher Anblick derartige Glücksgefühle in uns Menschenameisen aus? Ist es der Sieg über die Natur und alles, was hier vorher mal war? Ist es die Freude endlich Feuer oder viele Millionen funkelnder Lichter gemacht zu haben? Oder ist es einfach nur die Freude, dass noch ein paar Millionen anderen Idioten so hohe Mieten zahlen, wie wir?

Als ich mich wieder zurück drehte, hatte ich einen erschreckenden Augenblick lang das Gefühl, dass ich gerade Batman im Augenwinkel gesehen hätte. War der komplett in Schwarz gekleidete Karsten eben doch mehr als nur ein New Yorker Fotograf? Waren alle schwarz gekleideten Fotografen Mitglied eines dunklen Geheimbundes oder sogar Batmans uneheliche Kinder? Wollte er mich – und damit den einzig guten männlichen Superhelden auf diesem Dach von demselbigen werfen? Dummerweise hatte ich meine Superhelden-Luftschwimmärmel nicht dabei, weil man sich damit nämlich angeblich, laut der Superhelden-Trillerpfeifen-Aufsicht, erst recht der gefährlichen Gefahr in der Luft zu ertrinken im Land der freien Regeln aussetzte!

In jedem Fall stand Karsten in einer Pose so vor dem Empire State Building, dass ich mich überhaupt nicht gewundert hätte, wenn er Sekunden später mit dem Batmobile davon geschwebt wäre…

Mystisches Empire State Building
Mystisches Empire State Building

Warum müssen Künstler eigentlich immer Schwarz tragen und anderen Menschen auf Dächern damit Angst einjagen? Sachdienliche Hinweise nehme ich gerne entgegen und leite sie direkt an die unendlich große amerikanische Regelbehörde in Gotham City zur sorgfältigen Regelkonform-Überprüfung weiter…

In jedem Fall war das hier oben ein geiler Abenteuerspielplatz. Höhenangst durfte man hier definitiv nicht haben. Mehrfach hatte ich beim Verändern der Kameraposition das Gefühl, dass wir oder die Kameras uns durch einen unbedachten Schritt urplötzlich in der Schwerkraft folgende Geschosse, um nicht zu sagen Fallobst, verwandeln könnten.

NYC

NYC

Mein Adrenalinpegel war aufgrund der herausragenden Aussicht und dieses außergewöhnliches Erlebnisses deutlich über dem normalen Level. Meine Frisur übrigens auch, was aber an dem ununterbrochen blasenden Wind und nicht etwa an einem neuen Frisör lag.

Ja, zugegeben, New York ist schon ein gar nicht mal so schlechter Abenteuerspielplatz für Batmans oder welche, die es werden wollen. Zahlt Batman eigentlich auch so ‚ne hohe Miete?

Insgesamt ein echt cooles Erlebnis, nicht nur weil der Wind auch immer kühler wurde.

Nach insgesamt über zwei Stunden on top of the world machten wir uns wieder auf den Weg nach unten und schauten mal noch schnell bei Beyoncé und JAY Z im Büro vorbei… Kein Witz! Die beiden haben ihr Büro, das gerade renoviert wurde, im gleichen Gebäude. Natürlich waren sie nicht mehr da, weil die normale, tägliche Regel-mäßige Arbeitszeit für Superstars für heute schon abgelaufen war. Ja, auch Superstars haben die Regeln in den USA und NYC zu befolgen… Aber irgendwie hatte ich trotzdem das Gefühl ihr durch den Raum schwebendes Parfüm, also das von Beyoncé, nicht das von JAY Z, zu erschnuppern. Das war sehr wahrscheinlich komplette Einbildung, aber wie oft kommt man echten, weltweiten Superstars schon so nahe?

In New York, diesem Verführungsmoloch irgendwie regelmäßig… verdammte Hühnerka… äh… ausscheidungen.

Auf dem Weg nach Hause, in der Subway, wurde mir eine Erkenntnis immer klarer:
Ich hasste und ich liebte diese verführerische Stadt, die alles in den Schatten stellen konnte, was ich in meinem bisherigen Leben erlebt hatte. Aber konnte diese Hassliebe die Basis für eine langjährige Beziehung sein?

Downtown Manhattan am Abend
Downtown Manhattan am Abend

PS: Wahrscheinlich ist die Promi-Dichte auch der wahre Grund für das überteuerte New York. Man bezahlt mit den laufenden Lebenshaltungskosten so eine Art Prominenten-Umlage, die dann an alle, mehr oder weniger, hilfsbedürftigen Superstars, mehr oder weniger, gerecht verteilt wird – und weil das Leben für Superstars medial so aufwändig und glamourös sein muss, sonst wären es ja keine Superstars, kann diese New Yorker-Groupie-Abgabe natürlich nicht wirklich ganz so günstig sein… 😉

PSPS: Hier geht’s zu Karsten’s Website!

Ende von Kapitel 28


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4 Kommentar

  1. Hallo,

    beim Satz

    Auf der Fahrt zum Studio in Brooklyn erzählte mit Karsten ….

    hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen.

    LG

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