Ankunft in der gelobten Stadt

New York - Die gelobte Stadt

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Kapitel 1

Da standen wir also in einer wunderbaren sternenklaren Nacht auf dem Balkon unserer kleinen Übergangswohnung und schauten auf die funkelnden Lichter, der Stadt, die niemals schläft.

Auf die vielen beleuchteten und unbeleuchteten Fenster hinter denen sich Schicksale entscheiden, Liebesgeschichten entwickeln oder vielleicht gerade eben auch jemand nur seine dritten, dafür aber strahlend weißen (weil amerikanischen) Zähne in ein Wasserglas legt, um sie am nächsten Tag stolz durch die Stadt zu tragen.

Keine Ahnung ob man heute noch herausnehmbare dritte Zähne hat, aber zumindest finde ich es immer sehr spannend sich vorzustellen, was hinter den Fenstern und Vorhängen eines Skyscrapers so alles gleichzeitig vor sich geht.

In jedem Fall standen Kris, meine Frau, und ich auf diesem kleinen Balkon in Battery Park City, einem Stadtteil von Manhattan und genossen den warmen Wind, der im August die ganze Stadt erwärmt. Wir konnten von dort sogar den Hudson sehen und die vielen ebenfalls hübsch beleuchteten Boote, die dort nachts ihre Runden drehen.

Leise glaubte ich sogar Frank Sinatra mit brüchiger Stimme singen zu hören, der mir „If I can make it there, I can make it anywhere“ ins Ohr säuselte.

Ach Frank, hättest Du doch nur Deine Klappe gehalten…

Die Aussicht aus unserer Übergangswohnung
Die Aussicht aus unserer Übergangswohnung

Aber noch mal von vorne – die ganze Geschichte beginnt natürlich in Deutschland.

Monatelang, wenn nicht jahrelang, hatten wir uns damit auseinandergesetzt, was man tun muss, um in den USA leben zu dürfen.

Wir hatten „gefühlt“ mehrere hundert Bücher zum Thema Auswandern bei Amazon bestellt und davon höchstens zwei wirklich gelesen, weil sich dann doch alles immer wieder wiederholt.

Wir hatten schließlich zusammen mit einem Deutschen Steuerberater, der in Arizona lebt, dem Internet sei Dank, einen Businessplan für ein fiktives, aber extrem erfolgreiches zukünftiges Unternehmen erstellt, hunderte Seiten Formulare ausgefüllt und bei der amerikanischen Botschaft in Frankfurt eingereicht.

Nur drei Tage vor der lange geplanten Abreise bekamen wir endlich, bei einem Besuch in der Botschaft, unsere Visa ausgehändigt, in denen wir zwar plötzlich einen anderen Nachnamen hatten, was uns aber zu diesem Zeitpunkt noch vollkommen unerheblich erschien.

Unser Nachname wurde dabei von „Gaebler“, was der internationale Schreibweise von „Gäbler“ entspricht, durch die Botschaft, ohne uns vorher zu informieren, in „Gabler“ geändert, d.h. es wurde eigentlich nur ein „e“ entfernt.

So ein kleines „e“ mehr oder weniger macht jetzt auch keinen wirklich großen Unterschied, dachten wir und nahmen überglücklich und frohen Mutes unsere Pässe mit dem verschnörkelten amerikanischen Visum für 2 Jahre entgegen.

Viele Jahre hatte ich davon geträumt einmal in New York zu leben. Bei unserem ersten Besuch in 2005 mit unserer kleinen fünfjährigen Tochter Anjella hatten wir drei so viele tolle Dinge erlebt und so viele wundervolle und nette Menschen kennen gelernt, dass ich dieses Lebensgefühl unbedingt einmal für einen längeren Zeitraum genießen wollte.

Auch unser Hotelzimmer hat damals sehr wahrscheinlich seinen Teil zu meiner romantischen Verklärung der Stadt New York beigetragen.

Wir bekamen doch tatsächlich im W-Hotel am Times Square ein Zimmer im höchsten Stock (56.!), ohne dafür etwas extra zu bezahlen und genossen eine Aussicht, die man nur ansatzweise mit dem Wort „awesome“ beschreiben kann.

Wir waren uns nicht sicher, ob mein schicker Anzug, Kris’s wundervolles Lächeln oder Anjella’s bezaubernde Art uns dieses Zimmer verschafft hatte. Vielleicht war es ja auch von allem etwas….

Aussicht aus unserem Hotelzimmer
Aussicht aus unserem Zimmer

In jedem Fall werde ich den funkelnden Times Square und die glutroten, betörenden Sonnenuntergänge über dem Hudson wahrscheinlich noch plastisch vor mir sehen, wenn ich schon so alt bin, dass ich den Namen unserer mittlerweile drei Kinder nur noch mit Spickzettel aufsagen kann.

Aber jetzt erstmal zurück zu unserer Ankunft in der gelobten Stadt…

Die ganze Familie kurz nach der Ankunft.
Die ganze Familie kurz nach der Ankunft.

Die Wohnungsmaklerin Sarah, die Pförtner in unserem Gebäude, der Taxifahrer und überhaupt alle Menschen denen wir auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt begegneten, waren so nett und freundlich, zu unserer fünfköpfigen Familie plus Katze, dass wir mehr denn je, schon am allerersten Tag das Gefühl hatten, dass wir genau hier und nirgendwo anders den Rest unseres Lebens verbringen wollten.

Als wir schließlich in unserer Mietwohnung ankamen, die wir für 3 Monate aus Deutschland gemietet hatten, ohne sie je vorher gesehen zu haben, waren wir alle ausgesprochen freudig erregt und fühlten uns mit Sicherheit ähnlich wie Christopher Kolumbus als er seinen Fuß vor langer Zeit als vermeintlich erster Europäer auf die neue Welt gesetzt hatte.

Natürlich wollte ich mir diese Stimmung nicht vermiesen lassen, aber ein ganz klein wenig getrübt wurde das Ganze, irgendwo in meinem Hinterkopf, durch die Miete von einigen tausend Dollar pro Monat für eine lächerlich kleine und spartanisch ausgestattet Wohnung, die aber immerhin einen Balkon mit Blick auf den Hudson River hatte.

In unserer Heimatstadt Karlsruhe hätten wir für den gleichen Betrag eine 10 Zimmer Villa in bester Wohnlage mieten können, aber dafür gibt es in Karlsruhe auch kein Empire State Building, keinen Central Park, kein SoHo und schon gar keinen Times Square…

Die hohe Miete störte uns zu Beginn nicht im Geringsten. Die Tatsache, dass hier alles „etwas“ teurer ist, wurde durch die unendlichen Möglichkeiten in dieser unendlich spannenden Stadt problemlos zum Positiven gewendet.

Um die neue Welt zu erobern benötigt man eben auch den notwendigen Optimismus oder zumindest „etwas“ Verrücktheit!

Die positiven Erfahrungen in New York City (kurz auch NYC) überwogen in den ersten Tagen ohne jede Frage.

Wir meldeten beispielsweise die Kinder auf einer öffentlichen Schule, direkt um die Ecke, an. Die Schule ist in einem sehr modernen Gebäude untergebracht, die Direktorin begrüßte uns mit Handschlag und ein paar Brocken Deutsch, was in New York übrigens viele beherrschen – und auch die sonstigen Mitarbeiter in der Schule waren viel netter zu uns, als wir das aus Deutschland gewöhnt waren.

Zuerst mussten wir allerdings 20 Seiten Formulare, insgesamt 6 mal ausfüllen. Die „6“ ist hier übrigens kein Rechen- oder Schreibfehler. Tatsächlich mussten wir alle Formulare für alle Kinder 2 mal ausfüllen, obwohl nebenan ein Kopierer stand – und 2 mal 3 ist und bleibt einfach 6.

Die „typische deutsche Nachfrage“ warum das denn so sein muss, wurde sehr freundlich mit der Tatsache beantwortet, dass der Ablauf es vorsieht, dass die Formulare im Original an verschiedene Stellen weiter gegeben werden müssen und Kopien nicht zulässig seien.

Gerade aus Deutschland angekommen, hielten wir die Formularflut zu diesem Zeitpunkt allerdings auch noch für etwas völlig Normales.

Außerdem, was sind 2 Stunden unseres Lebens Formularausfüllen gegen die Verheißung in der gelobten Stadt unsere Kinder auf eine noch höher gelobte öffentliche und damit kostenlose Schule schicken zu können? Absolut ganz und gar nichts!

Direkt um die Ecke unserer Wohnung gab es darüber hinaus die schönsten und größten Supermärkte der Welt mit dem größten Fleisch-, Fisch-, Früchte-, Käse-, Nüsse-, Brot-, Pasta- und sonstigem Angebot, das wir je gesehen hatten. Auch heute noch würde ich sagen, dass die Wholefoods-Supermarktkette wirklich etwas Besonderes ist. Leider auch in einer anderen Hinsicht, die ich in einem späteren Kapitel beleuchten möchte.

Weiterhin gab es in unserem Wohngebiet viele tolle, mit viel Liebe gestaltete Spielplätze, eine wunderschöne Promenade direkt am Wasser, hunderte erstklassiger Restaurants und alle Geschäfte, die man in irgendeiner Art zum Leben braucht, in unmittelbarer Laufnähe.

Sogar ein paar Tennisplätze, einen Fußball-, Baseball- und Beachvolleyball-Platz, ein Hallenschwimmbad, ein Platz für Skateboarder und vieles mehr an sportlichem Angebot sind in nur wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen.

Da waren wir also, in New York City, der Stadt von der so viele Menschen träumen und sie für so etwas wie die gelobte Stadt, das Paradies oder das Ende des Regenbogens halten.

Jaaaa, genau so muss das Paradies auch tatsächlich aussehen, dachten wir! – Noch…

(Ein paar schöne Bilder aus Battery Park City, dem Stadtteil von Manhattan in dem wir gelebt haben.)

Ende von Kapitel 1


Prolog (Der Anfang vom Buch!)- Kapitelübersicht -Wer braucht schon einen Credit Score - Kapitel 2


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4 Kommentar

  1. WOW! Was für phantastische Bilder!
    Soooo habe ich N.Y. nicht in meiner Erinnerung….
    Bin schon gespannt, wie’s weitergeht!!!

  2. Hallo Wolfgang,
    die ersten Artikel habe ich gelesen. Sehr interessant deine Sichten unterschiedlichster Situationen zu lesen. Ich bin dabei und freue mich auf deine Zeilen und die sehr stimmungsvollen Bilder.
    Herzliche Grüße, Michaela

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