Speed – Omas müssen sterben

Graue Einheitsteilchen auf dem Weg zur Arbeit

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Kapitel 10

Früh morgens, auf dem Weg zur Subway, merkte man immer sehr schnell, wie viele Menschen eigentlich in New York leben und wie viele dort „nur“ arbeiten.

Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es einen wirklich unübersehbaren Unterschied.

Läuft man z.B. wie ich mit einer Tennistasche und Tennisbekleidung vom Irish Hunger Memorial in Richtung PATH Station am neuen Freedom Tower vorbei, kommt man sich schon ziemlich seltsam vor. In der PATH Station treffen die Züge aus New Jersey ein, voll gestopft mit Menschen, die in New York ihrer Arbeit nachgehen. Fast ausnahmslos alle, die dort aussteigen, sind irgendwie grau gekleidet, d.h. grauer Anzug oder graues Kleid und laufen in Richtung des World Financial Center am Hudson.

Als dagegen extrem bunt gekleideter Tennisspieler, unterwegs in genau die andere Richtung des grauen, tausende Menschen umfassenden Stroms, beschleicht einen das unmittelbare Gefühl, gerade auch als ehemaliger Gründer einer Computerspiele-Firma, in einer Art Frogger-Spiel zu sein. In Frogger muss man den Frosch, also mich, irgendwie lebendig auf die andere Seite der Straße bringen.

Alle diese grauen Menschen tragen dabei scheinbar die gleiche schwere Last mit sich herum, sind wahnsinnig gestresst und laufen in Turbosuperhype-Geschwindigkeit. Das Ganze wirkt vollkommen surreal!

Bleibt man stehen, fliest der Strom, dieser gleichförmig gekleideten Menschenteilchen, relativ elegant um einen herum. Immer wieder kommt es dann zwar zu Beinahezusammenstößen, aber als beweglicher Tennisspieler gelang es mir eigentlich immer, diese nicht ungefährlichen Kollisionen zu vermeiden…

Wer weiß schon genau, was passieren würde, wenn ein graues Einheitsteilchen mit einem bunten Tennisteilchen verschmelzen würde?! Vielleicht würde dann ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum entstehen und wir würden alle aufwachen, das Leben wäre plötzlich nur noch schön, bunt und wunderbar – und vor allem frei von Geldsorgen und Zwängen… aber das will ja keiner! 😉

Besonders spannend ist dieser Weg auch und gerade mit Kindern, die ja gerne mal von der vorgeschriebenen Bahn abweichen. Da gab es dann eigentlich immer nur eine Möglichkeit, eine möglichst enge Verbindung zu den Kindern per Oberarmfesthaltung einzugehen und sie so durch den Teilchenkollisionsbeschleuniger zu lotsen. Ach ja, möglicherweise ist es vorher schon leicht durchgeschimmert, dass ich vor ein “paar” Jahren in Karlsruhe Chemie und Physik studiert habe.

Manche sagen, New York sei keine Stadt für Familien mit Kindern, was aber definitiv nicht stimmt. Man muss diese Aussage einfach nur etwas präzisieren und durch den Zusatz “und normalem Einkommen” ergänzen, dann stimmt der Satz wieder. Aber was ist schon “normal”… wie schon mal erwähnt, sind in New York bzw. Manhattan Gehälter um die 400.000 Dollar pro Jahr relativ „normal“, weshalb auch alle, die nicht so viel verdienen, außerhalb der Stadt wohnen dürfen oder vielleicht sogar wollen.

Bei uns um die Ecke gab es dann auch diverse Einrichtungen, die sich um die Kinder von hart arbeitenden Eltern kümmern, wenn die Kinder noch nicht zur Schule gehen oder sie nachmittags bevor die Eltern zu Hause sein können, aus der Schule kommen.

Wen die Preise interessieren… im Sommer kann man die Kinder dort z.B. zur Ganztagsbetreuung abgegeben, damit die Eltern weiterhin, in ihren grauen Klamotten, hart arbeiten gehen können.

Den hunderten von Kindern wird dann schon eine Menge geboten. Von Basketball bis Schwimmen, Malen, Fußball und so weiter hört sich das alles wirklich sehr toll an. Schaut man kurz auf den Preis, verflüchtigt sich das tolle Gefühl irgendwie. Als deutscher Schwabe (nur 50% von mir sind tatsächlich schwäbisch) kann man ca. 400 mal ins Kino gehen, für den Betrag, den man dafür zur Verfügung stellen muss. Schlappe 4.000 Dollar aufwärts muss einem das eigene Kind für 4 Wochen in diesen Sommercamps schon wert sein. Mit drei Kindern sind das dann mal schnell über 12.000 Dollar pro Monat – und diese Camps sind jeden Sommer tatsächlich komplett ausgebucht.

Fußball spielen in Battery Park
Fußball spielen in Battery Park – am Fuße des Freedom Tower

Gut, man kann also mit Kindern ganz hervorragend hier leben, man muss Geld allerdings als etwas relativ Unendliches betrachten, das nie ausgeht und immer unbegrenzt zur Verfügung steht. So wie das bei den meisten von uns der Fall ist… 😉

Ein ähnliches Problem gibt es in New York für alte Menschen. Fast genau gegenüber der Kinderbetreuung gibt es ein sehr gepflegtes Altersheim. Wenn man daran zur Essenszeit vorbeiläuft, egal ob morgens, mittags oder abends, fühlt man sich unweigerlich um mindestens ein Jahrhundert in der Zeit zurück versetzt.
Nicht nur die Inneneinrichtung entspricht der gediegenen amerikanischen Vorstellung von europäischem Lebensstil vor ca. 200 Jahren, sondern die tatsächlich unglaublich nett zurecht gemachten Herrschaften sehen aus, wie aus einem Modekatalog Anfang 1920.

Nein, es handelte sich dabei nicht um eine Ü70-Mottoparty. Es war tatsächlich jeden Tag so.

Wann auch immer ich dort entlang lief, sah ich diese älteren, gut gekleideten Menschen, wahrscheinlich ausnahmslos x-fache Millionäre, die möglicherweise alle irgendwann in ein Zeitloch gefallen waren und jetzt dort ihren verdienten Lebensabend verbringen durften.

Nein, ich habe ganz bewusst nicht nachgefragt, was der Aufenthalt in diesem ehrenwerten Haus pro Monat kostet. Einerseits fühle ich mich ja noch nicht sooooo alt, wie ich wirklich bin… und andererseits wären mir dann wahrscheinlich auch vor Schreck alle, meine noch nicht vorhandenen, dritten Zähne ausgefallen, aber das wollte ich schon deshalb nicht, weil ich dann zum Zahnarzt hätte gehen müssen, der in New York gerne mal 250 Dollar in bar für eine 15 Minuten Untersuchung nimmt.

Aber zurück zu den älteren Mitbürgern, die da so um uns herum lebten. Man sieht sie tatsächlich nur selten auf den Strassen bzw. den Wegen flanieren, die gerade am Hudson wirklich sehr schön sind. Das seltene öffentliche Erscheinen hat natürlich einen Grund und die Überschrift dieses Kapitels lässt es vermuten, keinen angenehmen. Es sei denn man mag keine älteren Menschen…

Tatsächlich ist es so… wenn man sich vom Altersheim weg in Richtung Tribeca bewegt, nimmt die ganze Sache nämlich eine ziemlich spürbare Dynamik an. Die Welt ist in Tribeca um so vieles schneller, dass alte Menschen einfach nur überflüssige Hindernisse darstellen, in etwa gleichzusetzen mit Touristen, die zu bestimmten Zeiten, für jeden in New York lebenden Menschen, eine zähflüssige und unangenehme Bremsmasse verkörpern.

Gerade rund um das neue World Trade Center gab es, als wir dort lebten, so viele Baustellen auch im Fußgängerbereich, dass es wirklich schwierig war, nicht genervt zu reagieren, wenn mal wieder, ausgerechnet an der engsten Stelle, zwei nette deutsche Touristen, um ein paar tolle Fotos zu machen, den kompletten Menschenstrom aufhielten, der doch ganz dringend irgendwo extrem Wichtiges hin wollte.

Schließlich lebt man hier tatsächlich nach der Devise “Time is money!”.

Und das fühlt man täglich am eigenen Leib. Man hat gar nicht so viel Zeit, um das Geld zu verdienen, das einem woanders wieder, für noch weniger Zeit, aus der Tasche gezogen wird – siehe auch das oben genannte Beispiel vom “geldbohrenden” Zahnarzt oder der Sommercamp-Kindervergoldung.

In jedem Fall muss man, auf dem Weg raus, aus dem noch irgendwie beschaulichen Battery Park City in Richtung Tribeca oder Financial District, unweigerlich die West Street überqueren. Eine an manchen Stellen 10-spurige Strasse, auf der eine unendliche Blechlawine entlang rollt, die weitere graue Einheitsteilchen von und zur Arbeit befördert.

Eine Seite der West Street bei Regen in New York City
West Street bei Regen in New York City

Um die West Street zu überqueren, gibt es einige normale Fußgängerüberwege und auch ein paar Brücken, die aber nur selten benutzt werden, weil man dafür erst ein paar Treppen erklimmen müsste.
Begibt man sich also als junger oder extrem jung gebliebener Mensch auf die Reise über diesen nicht versiegen wollenden Blechlawinenstrom, ist es unvermeidlich darauf zu warten, dass die Fußgängerampel “Go” zeigt – und genau jetzt kommt der spannende Teil.

Als wir das erste Mal diese Straße in unserem immer noch relativ gemütlichen Karlsruher Gang überquerten, stellen wir schnell fest, dass das offensichtlich nur ein Überweg für radikal beschleunigte Menschenteilchen ist. Genau in der Mitte der Strasse angekommen, fing die Ampel, auf der anderen Straßenseite, nämlich schon an die Zeit anzuzeigen, die man bis zu seinem vermutlichen Lebensende noch zur Verfügung hatte, wen man nicht den Rest der Strecke in der entsprechenden Zeit bewältigen konnte…

Das ist schon deshalb spannend, weil die unendliche Blechlawine, genau neben den Fußgängern, darauf wartet, wieder los zu rollen und alles platt zu walzen, was sich ihr in den Weg stellt.

Ja und genau hier habe ich selten, aber doch zumindest ein paar Mal in zwei Jahren, ältere, gut gekleidete Mitbürger gesehen, die wahrscheinlich gerade dem oben schon erwähnten Raum-Zeit-Altersheim-Kontinuum entfliehen wollten.

Diese immer noch extrem mutigen Vorfahren waren dabei nur mit einem Rollator oder einem Gehstock bewaffnet, der ihnen helfen sollte, diesen gefährlichen Blechlawinen-Drachen zu überwinden.

Natürlich war und ist das unmöglich!

Wenn schon Menschen, wie ich, die gerne schnellen Schrittes unterwegs sind, Schwierigkeiten haben, die andere Seite zu erreichen, wie soll es dann Menschen, die nur mit einem Viertel meiner Fußgängergeschwindigkeit ausgestattet sind, gelingen?

Es gelingt nicht und es sieht schon ganz schön bedauerlich aus, wenn man sieht, wie die etwas Betagteren unter uns gerade noch die Mitte der Straße erreichen und dann inmitten von Abgasen und Lärm auf die nächste Grün- bzw. Go-Phase warten müssen.

Möglicherweise wurde die West Street aber auch nur gebaut, um viel zu langsame, schon kurz vor dem Verfall stehende Teilchen, von dem Besuch bzw. der Kollision mit schnelleren Teilchen in der Innenstadt abzuhalten!?

Vielleicht gibt es in New York City aber auch eine Regel bezüglich der Fußgängermindestgeschwindigkeit! Wer diese unterschreitet, hat einfach sein Recht verwirkt, am normalen Leben teilnehmen zu dürfen.

Ende von Kapitel 10


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