Kapitel 21
Der Traum in New York zu leben, war tatsächlich schon lange Zeit in meinem Kopf gewesen. Sogar schon vor unserem allerersten Besuch.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich damit eventuell schon geboren wurde, aber vielleicht trägt ja auch eine Hebamme die Verantwortung für das ganze Schlamassel, weil sie damals unbedingt im Kreissaal auf ihrem kleinen Transistorradio Frank Sinatra hören musste.
Als Baby konnte ich ja noch nicht richtig unterscheiden zwischen gezielter Indoktrination und meinem eigenen, unendlich freien, Willen. Dumpf glaube ich auch noch mich daran zu erinnern, dass auf meinem Babybrei-Gläschen etwas mit Big Apple stand. Bestimmt wurde diese gut aussehende Krankenschwester mit langen blonden Haaren damals vom amerikanischen Geheimdienst bezahlt.
Klar habe ich jetzt gerade den inneren Aufschrei aller Mütter gehört, die das vorhergehende gelesen haben. Natürlich kann an der Geschichte irgendwas nicht stimmen. Nicht weil die Krankenschwester sexy war, sondern weil man als frisch entbundenes Baby nämlich noch gar keinen Gläschen-Babybrei bekommt. Aber ich bin ja nur ein ganz normaler Vater und insofern nicht verpflichtet so etwas zu wissen…
Irgendwer muss außerdem Schuld sein an meiner traumatischen New York Sehnsucht – und wer könnte diese Rolle der Sündenböckin besser übernehmen als eine arme hilflose Krankenschwester… 😉
Dummerweise dachte ich also nicht WIRKLICH gelebt zu haben, wenn ich es in diesem einen Leben nicht mehr nach New York schaffe.
Nach der Abschiedsparty mit nur ein paar unserer engsten Freunde, waren wir dann schon mit Wehmut, in das Flugzeug nach New York gestiegen.
Tatsächlich hatten wir aber viel mehr Freunde. Wenn man in New York lebt, merkt man nämlich ganz schnell, dass man sogar unheimlich viele Freunde hat. Mehr als man sich jemals hätte vorstellen können… 😉
Nachdem wir gerade knapp 7 Wochen in New York lebten, rückte Kris’ Geburtstag am 1. Oktober näher. Es war leider offensichtlich, dass aber keine/r unserer Freunde so einfach vorbei kommen konnte, weil die Sommerferien schon vorbei waren und die Schule wieder angefangen hatte. Familien mit Kindern, wissen gut, dass die grenzenlose Unbeschwertheit des Seins, spätestens mit der Einschulung der eigenen Kinder endet.
In den ersten Wochen nach unserer Ankunft auf der amerikanischen Seite des Teiches waren wir häufig unterwegs gewesen und hatten viele schöne Dinge erlebt. Es fühlte sich dabei noch wie Urlaub an – und im Urlaub hat man in der Regel eine Menge positiver Erlebnisse und guter Gefühle. Außerdem hatten wir viel mit dem „Einleben“ an sich zu tun, was ebenfalls von der Tatsache ablenkte, dass Kris’ Geburtstag dieses Jahr ohne Freunde und ohne Familie, d.h. nur mit mir und den Kindern stattfinden sollte.
Ihr Geburtstag fiel auch noch auf einen Montag, d.h. auf einem völlig normalen Elternarbeitstag mit frühem Aufstehen und so weiter.
Kris bekam schon feuchte Augen, wenn sie nur daran dachte und hatte furchtbares Heimweh nach Deutschland.
Was sie nicht wusste, ihre und unsere Freundin Susan, die Flugbegleiterin bei der Hansa ist die durch die Luft fliegt, hatte mir geschrieben, dass sie plante uns zu besuchen.
Ich wusste, dass das eine ziemlich coole Sache werden würde. Natürlich lies ich mir absolut nichts anmerken. Am Geburtstagsmorgen brachten wir erstmal die Kinder in die nur einen Häuserblock entfernte Schule. Dann ging es wieder nach Hause und Kris hatte immerhin zwei Päckchen aus Deutschland zum Auspacken bekommen. Darin befand sich unter anderem aufmunternde Literatur, ein Halstuch und weiteres Dings und Krams für Frauen, d.h. Handcremes, Body-Lotion und so Zeugs…, was Frauen eben alles unbedingt zum Überleben brauchen. Die Geburtstags-Karte war von drei besten Freundinnen unterschrieben, nämlich Christina, Verena und Susan… 😉 Ich hatte außerdem einen schönen Blumenstrauß und eine Torte besorgt. Nachdem wir jeder ein Stück von der leckeren, aber putzigen, $50 teuren Erdbeer-Torte gegessen und keinerlei Spuren von Gold in den Erdbeeren gefunden hatten… warum war die dann so teuer? – machte Kris noch ein paar Bilder um sie ihren Freundinnen per WhatsApp zu schicken. Normalerweise gibt es darauf immer sofortiges Feedback. Frauen haben ja mittlerweile einen eingebauten WhatsApp-Chip.
Aber… Susan saß ja jetzt schon im Flugzeug und konnte nicht antworten. Also hatte sie sich vorher eine Story ausgedacht, was sie an diesem Tag unbedingt ohne Handy machen musste. Wenn ich mich richtig erinnere war es eine Schulung bei der luftigen Hansa.
Nur Kris und ich, gingen also zur Feier des Tages shoppen in New York City. Was ja glücklicherweise nicht so weit weg war wie sonst. Außerdem schauten wir auch noch in die seit „Sex and the City“ berühmte Magnolia-Bakery und kauften Cupcakes für nur eine Million Dollar das Stück. Möglicherweise habe ich im vorigen Satz Dollar mit Kalorien verwechselt. Die Teile schmecken tatsächlich lecker, aber der Zuckergehalt dürfte ungefähr den Bedarf von Luxemburg für ein Jahr decken…
Dann kauften wir noch ein paar Sachen, die ich mittlerweile verdrängt habe. Die Zeit heilt ja bekanntlich alle Wunden, sogar die im Geldbeutel. Gerade noch rechtzeitig vor unserem endgültigen Ruin konnte ich Kris dazu überreden, wieder nach Hause zu fahren, um die Kinder von der Schule abzuholen.
Als wir das erledigt hatten, gingen wir, bei schönstem Herbstwetter auf den Spielplatz nebenan. Dort hat man einen direkten Blick auf den noch nicht fertig gestellten Freedom Tower, dem Nachfolger der zerstörten Zwillingstürme.
Kris war mittlerweile einigermaßen gefasst und hatte sich damit abgefunden nur mit mir heute Abend essen zu gehen. Natürlich nicht zu spät, weil wir ja am nächsten Morgen wieder früh raus mussten.
Als wir dann da auf dem Spielplatz saßen und die Kinder fröhlich spielten, bekam ich die erwartete Nachricht, dass Susan gelandet und in der Nähe sei. Jetzt musste ich sie nur noch irgendwie zu uns lotsen. Bei Frauen ist das mit Norden, Süden, Westen und Osten ja noch nicht ganz so flüssig… Unsere Adresse hatte ich ihr natürlich geschickt, aber wir waren ja jetzt auf dem Spielplatz.
Ich ging also zur südlichsten Ecke des Spielplatzes, die am nächsten zu unserem Gebäude war und nach einer kurzen Wartezeit, sah ich Susan. Sie hatte die komplexen Schwierigkeiten der Navigation zum „Playground“ gemeistert. Jetzt musste sie nur noch ungesehenerweise zu Kris manövriert werden.
Zuerst beobachtete ich aber, aus etwas Abstand, ob es ihr gelang die Tür mit spezieller Kindersicherung zum Spielplatz öffnen, die es in den USA wahrscheinlich überall gibt. Aus Liability-Gründen sind die Spielplätze eingezäunt, damit die süßen Kleinen nicht ohne ihre Eltern die Gegend unsicher machen können… so wie wir das früher gerne mal in Deutschland gemacht haben.
Als sie dann den Spielplatz betreten hatte, deutete ich ihr aus der Entfernung an, wo sich Kris befand. Sie saß gerade auf einer Parkbank und schaute glücklicherweise in die andere Richtung. Susan näherte sich ihr im toten Winkel und Kris nahm sie tatsächlich nicht wahr.
Susan setzte sich neben Kris und sagte „Hallo! Alles Gute zum Geburtstag, meine Liebe!“. Kris drehte sich erschreckt um und augenblicklich fiel ihr die Kinnlade herunter. Damit hatte sie nicht gerechnet. Die beiden Frauen umarmten sich so stürmisch, wie in einem „ganz normalen“ Rosamunde Pilcher Roman und die Tränen flossen sofort in Strömen. Beinahe wäre der Hudson über die Ufer getreten… aber ich hatte die Küstenwache ja glücklicherweise rechtzeitig informiert.
Das war wirklich eine in jeder Hinsicht geglückte Überraschung. Die Beiden hatten sich natürlich viel zu erzählen – und die Zeit verflog wie im Nu. Wo ist eigentlich dieses Nu?

Abends gingen wir dann, ohne die Kinder, in einem der besten vegetarischen Restaurants essen, das ich sogar jedem „Fleischfresser“ absolut uneingeschränkt empfehlen kann.
Der Name ist „Red Bamboo“ und der Besuch lohnt sich garantiert. Ich erstatte jedem Leser den Kaufpreis dieses Buches zurück, wenn es ihm dort nicht schmecken sollte.
Weitere Liability-Ansprüche zum Beispiel bezüglich des Verschluckens eines Holzspießes in den vegetarischen Spare Ribs, lehne ich hiermit jedoch ausdrücklich in jeder Hinsicht, für alle Zeiten und für immer, in jeder Höhe uneingeschränkt ab. Durch das Lesen dieses Buches stimmen Sie diesem einseitigen Vertrag vorbehaltlos zu. Weitere Dinge, denen Sie mittlerweile zugestimmt haben, erkläre ich ihnen dann im Kleingedruckten auf Seite 2769…
Susan blieb insgesamt 4 Tage, wir zogen gemeinsam durch New York und sie übernachtete sogar in unserer Übergangswohnung mit uns. Der Abschied war natürlich genauso tränenreich, wie die Ankunft. Schließlich war Kris jetzt wieder alleine mit ihrer Familie und den paar Millionen, die auch noch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft lebten.
Als wir dann nur ein paar Tage später in unser schönes Apartment im Riverhouse einzogen, konnte der Trennungsschmerz durch die neue Umgebung wenigstens etwas gemildert werden. Wir hatten jetzt viel mehr Platz, eine tolle Aussicht und, wie schon berichtet, die Fahrräder im Wohnzimmer stehen.
Ja, und was passiert, wenn irgendetwas richtig schön ist auf dieser Welt. Nein, es bleibt leider nicht einfach schön und unberührt. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Jeder, nämlich absolut jede und ebenso jeder will dann auch dahin und sich von dieser Schönheit im Innersten verzaubern und berühren lassen.
In jedem Fall meldeten sich kurze Zeit nachdem wir die ersten Bilder unserer neuen Wohnung auf Facebook und per WhatsApp verteilt hatten, große Heerscharen von Freunden für einen Besuch an.
Wir fanden das ja auch eigentlich total super. Zumindest bevor wir darüber nachdachten, dass unsere Freunde dann zwar hier bei uns einen kostengünstigen New York Urlaub machen würden, wir aber dummerweise trotzdem unserem normalen Tagesablauf nachgehen mussten.
Der allererste der nach Susan’s Kurzbesuch kam, war Dominik, der Wakeboarder aus Berlin, den ich schon in einem anderen Kapitel erwähnt hatte.
Er wohnte auch bei uns und übernachtete in Anjella’s Zimmer, die damit zwar zuerst ein Problem hatte, dann aber doch sehr gut damit zurecht kam. Sie schlief natürlich nicht im gleichen Zimmer wie Dominik, sondern bei den Jungs und bei uns.
Auch mit Dominik zogen wir gemeinsam durch New York und klapperten schon wieder alle Sehenswürdigkeiten ab. Der Zeitraum war gut geplant, weil teilweise Schulferien waren und wir recht viel Zeit hatten. Dominik verstand sich sehr gut mit den Kindern und wir hatten alle richtig Spaß zusammen. Im Red Bamboo, dem vegetarischen Restaurant, waren wir auch mit ihm und auch er war begeistert. Natürlich habe ich immer versucht heraus zu finden, in wie weit die Begeisterung echt war. Aber ich glaube wirklich, dass es Dominik dort ebenfalls sehr gut geschmeckt hat.

Als er dann wieder nach Hause geflogen war, bemängelte Rafael, dass es bei uns jetzt wieder so unglaublich ruhig wäre und er gerne schnellstmöglich neuen Besuch bekommen wolle.
Und wer hätte das gedacht… der kam dann auch!
Die meisten unserer Freunde (und Gäste) übernachteten bei uns in der Wohnung, die für New Yorker Verhältnisse zumindest nicht ganz klein war. Wir wollten auch irgendwie nie nein sagen, weil wir uns ja tatsächlich auch immer über den Besuch freuten.
Natürlich hatten wir so einige Sehenswürdigkeiten jetzt schon ziemlich oft gesehen, aber irgendetwas Neues sieht man in New York ja immer – und so kamen wir wenigstens mal an die „frische“ Luft. Außerdem waren unsere Kinder viel leichter dazu zu bewegen etwas zu unternehmen, wenn Freunde oder deutsche Familie dabei waren. Es spielte in diesem Fall auch keine Rolle ob die Freunde im Alter unserer Kinder oder „nicht mehr ganz so jung“ wie zum Beispiel meine Mutter und Lui waren.

Wenn man gerne Gäste um sich hat, ist New York sicher eine äußerst positive Anziehungskraft zu attestieren. Leider hat aber wegen den Preisen in New York fast niemand wirklich genug Platz um den Gästen auch locker eine Schlafmöglichkeit anzubieten. Zwei Seiten der gleichen Medaille, wie immer eben.
Sogar unser Briefträger oder auf neudeutsch „Postzusteller“ kam uns mit seinem Sohn in New York besuchen. Ich war sehr froh zu erfahren, dass er auch weiterhin den Nachsendeauftrag unserer deutschen Post ordentlich bearbeitete.
Insgesamt waren es 20 Besucher aus Deutschland in 2 Jahren und wir dachten schon darüber nach, ob wir unser „Freunde-Übernachtung-Business“ nicht auf eine professionellere Ebene bringen sollten, aber leider war airbnb ja schon erfunden worden. Wir hätten doch noch ein paar Jahre früher in den Big-Apple ziehen sollen, dann wären wir heute die Eigentümer dieser netten „kleinen“ Firma, die mittlerweile ein paar Milliarden wert ist… 😉
Ende von Kapitel 21
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