Kapitel 9
Nach Hurricane Sandy kehrte ganz New York in Windeseile zum Alltag zurück. Es gab zwar immer noch Bezirke ohne Strom und auf Long Island wurden einige Orte direkt an der Küste ziemlich zerstört, aber New York kam und kommt mir immer vor wie ein ziemlich großer Ameisenhaufen.
Zerstört man etwas, kommen gleich ganz viele kleine Ameisen angelaufen und wollen alles sofort wieder aufräumen und reparieren. Ich bin übrigens tatsächlich der Meinung, dass wir uns oft wie Ameisen verhalten, allerdings fliegen Ameisen nur sehr selten um die halbe Welt, um sich dann die ganz großen Ameisenhaufen (auch Wolkenkratzer genannt) anzusehen, die andere Ameisen irgendwo gebaut haben… Wir Menschen aber machen das! Da unterscheiden wir uns von den Ameisen… 😉
Außerdem sind wir wahnsinnig beeindruckt, wenn wir da oben auf einem der großen Ameisenhaufen, auch „The Rock“ oder „Empire State Building“ genannt, stehen und uns den Rest von der großen Ameisenhaufenstadt ansehen. Ganz ehrlich, ich mache da auch keine Ausnahme, aber ich frage mich manchmal, warum das so ist!?
Früher waren hier Felsen, Wiesen und Wälder. Tiere haben sich, in einem natürlichen Gleichgewicht, die Gegend geteilt und es sah alles irgendwie richtig schön aus. Dann kam der Mensch und hat mit Schaufeln und Pferdekarren alles umgepflügt und seine immer größer werdenden, bunt strahlenden Ameisengebäude da hin gepflanzt. Immer mehr, immer höher, immer bunter – und die Tiere sind jetzt auf kleinster Fläche im Central Park Zoo untergebracht. Wollen wir hoffen, dass nicht irgendwann Außerirdische unseren Planeten besuchen und das Gleiche mit uns machen!
Zurück zum Thema… 😉 – Die Firma (vidFame, LLC), die ich für unser amerikanisches E-2 Visum gegründet habe bzw. gründen musste, hat den Geschäftszweck “Video Produktion”. In Deutschland sammelte ich schon einiges an Erfahrung auf diesem Gebiet und bin, glaube zumindest ich, auf diesem Gebiet recht versiert. Moderne Technik hat mich außerdem schon immer interessiert und fasziniert.
Der „Officer“ der amerikanischen Botschaft hatte mich ja lustigerweise bei unserem Visa-Interview in Frankfurt mehrfach gefragt, ob ich denn überzeugt von meiner Umsatzplanung für meine Video-Produktion in New York sei.
Ich habe ihm dann, in meiner manchmal ein wenig nervenden Ehrlichkeit, erklärt, dass eine Umsatzplanung nur eine Planung sei und dass ich leider nicht genau wüsste, ob der Umsatz dann auch – genau so – eintreten würde.
Er hatte mich daraufhin nur amüsiert angesehen und zu meiner Frau gesagt “Ihr Mann ist viel zu ehrlich!”.
Seine erneute Nachfrage, ob wir diese Umsätze tatsächlich erreichen werden, habe ich dann im zweiten Versuch grinsend mit “Natürlich!” beantwortet.
“Das ist die richtige Antwort!” lies er mich lachend wissen. Schließlich musste er ja irgendwo einen Haken auf seinem Formular machen. Wahrscheinlich an der Stelle „Ist der Antragsteller blöd genug zu glauben, dass er in die Zukunft sehen kann?“.
Immerhin, ein “wenig” Erfahrung mit Businessplänen und „geplanten“ Umsatzzahlen hatte ich in meinem Leben schon sammeln können. Insofern war wenigstens mir absolut klar, dass die Zukunft weder in finanzieller noch persönlicher Hinsicht vorhersagbar ist.
Abgesehen vielleicht von ein paar Erlebnissen als Jugendlicher, von denen ich bis heute noch nicht weiß, wie es mir gelungen ist, unvorhersehbare Ereignisse vorher zu sagen. Aber das wäre jetzt eine ziemlich lange andere Geschichte…
Umsätze kann man also nicht vorher sagen. Keine Umsätze erst recht nicht!
Und genau von denen hatte ich jede Menge in New York.
Es stellte sich tatsächlich als richtig schwierig heraus an irgendwelche Videojobs zu kommen.
Mit meiner gut gestalteten Website (vidFame.com) und meinen vielen thematisch unterschiedlichen Videos, dachte ich in Windeseile ein paar tolle Aufträge an Land ziehen zu können. Pustekuchen! (Was ist eigentlich ein Pustekuchen?)
Ich verschickte aufwändig gestaltete Emails aller Art und bekam fast nie auch nur eine Antwort. Dabei spielte es keine Rolle ob ich Bilder von hübschen Frauen oder niedlichen Kinder in die Emails kopierte, was normalerweise immer funktioniert.
Allein in der Meetup-Gruppe für „Videographer“ (Videofilmer) waren in 2012 in New York über 4.000 Personen angemeldet. Das muss man sich mal vorstellen…
Viertausend Videographer – und das waren bestimmt nicht alle!
Offensichtlich ist es gerade in solch teuren Städten wie New York eben so, dass jeder, der eine Kamera halten kann, sich für einen Kameramann hält. Und wenn man dann online die Preise anschaut, die manche für ihre Arbeit nehmen und es mit den Mieten vergleicht, fragt man sich ob die meisten Videographer in einem selbstgebauten Zelt irgendwo in den Wäldern nördlich von New York leben.
Trotzdem hatte ich eigentlich immer die Hoffnung, dass der schöne Spruch, „Qualität setzt sich durch!“, auch hier funktionieren würde.
Nach einigen hundert geschriebenen Emails und vielleicht 5 netten Antworten, die aber keine Aufträge brachten, hatte ich die Idee, einfach mal nach „Deutschen in New York“ zu googeln, in der Hoffnung, dass ich vielleicht durch die deutsche “Connection” ein paar Aufträge ergattern könnte.
Tatsächlich war es auch viel leichter von Landsleuten eine Antwort zu bekommen, was meiner felsenfesten Überzeugung nach, aber nicht an meinem lustigen Englisch lag.
Gerade eben erst aus Deutschland „geflüchtet“ und eigentlich ganz froh, so manche deutsche Eigenschaft nicht mehr erleben zu müssen, hatte ich mich innerlich erstmal dagegen gesträubt, gleich wieder Hilfe beim eigenen Stamm zu suchen, aber es funktionierte wenigstens.
Insofern war ich wirklich glücklich als mir Marianne, eine deutsche Filmemacherin, die schon sehr lange in New York lebt, tatsächlich antwortete und sich gerne mal mit mir zum Kaffee treffen wollte.
Nachdem ich sie ausführlicher gegoogelt hatte, fand ich außerdem heraus, dass sie auch die Ex-Ehefrau von Norbert, einem früher mal sehr bekannten und erfolgreichen deutschen Eiskunstläufer, war.
Ich radelte also voll freudiger Erwartung mit meinem (noch vorhandenen) Fahrrad bis irgendwo zur 74. Straße den Hudson hinauf und wartete vor dem Eingang des Cafés, das sich Marianne als Treffpunkt ausgesucht hatte.

Leider war Marianne weit und breit nicht zu sehen und ich war natürlich, typisch deutsch, pünktlicher als pünktlich, d.h. ca. 10 Minuten zu früh.
Zu diesem Zeitpunkt hielt ich das noch für normal, was es aber in New York definitiv nicht ist. Die meisten Leute schieben es dann sehr gerne auf die Subway, auch wenn die Subway nicht wirklich etwas mit der Verspätung zu tun hat.
Lustigerweise kommt man mit dem Fahrrad überall schneller hin als mit der Subway, dem Auto oder Taxi, allerdings sollte man, gerade wenn man durch die Innenstadt radelt, darüber nachdenken, dass man als klitzekleine radelnde Ameise gerne mal von Bus-, Taxi- oder Truckfahrern als leicht zu zerquetschendes Ziel angesehen wird.
Marianne kam dann, wie in New York üblich, ungefähr 15 Minuten zu spät, worauf sie mich aber immerhin mehrfach per SMS, Telefonnummern hatten wir schon per Email ausgetauscht, hingewiesen hatte.
Außerdem kam sie überhaupt und darüber war ich schon sehr glücklich!
Endlich – reagiert mal jemand auf eine Email von mir und ist dann sogar bereit sich zu treffen, um mögliche gemeinsame zukünftige megatolle Projekte zu besprechen.
Ich wartete auf sie auf dem Gehweg vor dem Café und siehe da, dank Google erkannte ich sie schon von weitem. Endlich kam mir Marianne, ein wenig abgehetzt, aber schnellen Schrittes, entgegen.
Sie war irgendwie hübsch angezogen. Genauere Details kann ich aber leider nicht zur Verfügung stellen, weil der Schreiber dieses Buches ein Mann und es genetisch einfach nicht vorgesehen ist, dass sich Männer modische Details merken können.
Ich glaube aber, sie hatte einen langen Rock an, weil an einen kurzen, könnte ich mich sehr wahrscheinlich (auch aus genetischen Gründen) doch noch genauer erinnern…
Nach einer kurzen, noch etwas deutsch-steifen Begrüßung, setzten wir uns an einen Tisch im Kaffee und beschnupperten uns.
Marianne war eine gut aussehende Frau mit langen blonden Haaren, ungefähr in meinem Alter. Sie erzählte mir von ihren geplanten Projekten, ich ihr von meinen Schwierigkeiten überhaupt mal eine Antwort auf eine Email zu bekommen.

Unter anderem sprachen wir über ihre Fernsehshow „Hallo New York“ (Link zur Show), in der sie interessante deutsche und amerikanische Prominente interviewte. Auch über Norbert sprachen wir, der aber dabei nicht wirklich gut weg kam, auch wenn er früher immer so freundlich und fröhlich im Fernsehen wirkte.
Marianne erwähnte schon in unserem ersten Gespräch mehrfach, dass sie ja noch nicht so alt sei und deshalb als Schauspielerin immer noch alle Rollen spielen könnte. „Na gut…“, dachte ich mir, „Sie ist in jedem Fall noch eine hübsche Frau, aber sicherlich nicht wesentlich jünger als ich.“. Vielleicht verstand ich aber auch das New Yorker Konzept von „jung sein“ noch nicht so richtig.
Insofern musste ich schon laut lachen, als ich irgendwann mitbekam, wie sich eine Schauspielerin, in meinem Alter, für eine Rolle bewarb, in der sie eine 24 jährige spielen sollte. Es fiel mir einigermaßen schwer mir das ernsthaft vorzustellen.
Weil es aber so schwer ist in New York wirklich erfolgreich zu sein und weil es so unheimlich viele, wirklich professionelle und intelligente, Menschen gibt, schlägt sich Marianne, wie sehr viele andere, mit einem Job als Tanzlehrerin durch und verwirklicht ihre Filmprojekte mit Null-Budget.
Es ist schon ganz schön verrückt. In Deutschland macht man ja gerne mal Scherze darüber, dass unsere sogenannten ausländischen Mitbürger, die Jobs schon deshalb bei der Müllabfuhr machen müssen, weil kein „normaler Deutscher“ freiwillig diesen Job machen würde.
In New York ist es genau anders herum. Hier macht jeder jeden Job, egal was er in seinem vorigen Leben war oder was er ansonsten in New York so tut.
Ich habe hier vermögende Menschen getroffen, die nebenher noch alle möglichen Zusatzjobs bekleiden nur um ein paar „Bucks“ extra zu machen.
Ganz am Anfang habe ich mal einen Unternehmensberater gefragt, der nebenher auch noch Sprachaufnahmen für Werbevideos machte, warum er das tut. Er hat mich nur völlig verständnislos angesehen und geantwortet, dass ihm das Spaß machen würde.
In einem anderen Fall traf ich einen Geschäftsführer einer sehr erfolgreichen milchfreien Speiseeis-Firma mit Millionenbudget, der tatsächlich jedes Wochenende noch nachts als Barkeeper arbeitete.
Der barkeepende Geschäftsführer hatte dann auf meine Nachfrage auch ehrlich geantwortet und mir erklärt, dass jede Tennistrainerstunde für seine Tochter im Winter 150 Dollar kostet und es insofern ganz angenehm ist, wenn er immerhin 3 Trainerstunden mit der Arbeit einer kompletten Samstagnacht bezahlen könnte.
Natürlich gibt es in New York auch Menschen, die nur einen Job haben. Viele davon arbeiten in hohen, sehr ansehnlichen Gebäuden mit vergoldeten Dächern. In New York gibt es einige davon und diese Gebäude sind einer der Gründe, warum ich mittlerweile nur noch dann eine Versicherung abschließe, wenn es wirklich unumgänglich ist. Tatsächlich und ohne Witz handelt es sich bei den Gebäuden mit den protzigen Dächern fast ausnahmslos um Versicherungen.
Ich halte es durchaus für möglich, dass die ganzen lustigen Klagen, die hier so viel Papierkram, meterlange Verträge und weltweite Nachrichtenmeldungen produzieren, tatsächlich von Versicherungen provoziert oder sogar gestartet werden, nur um alle Amerikaner dazu zu bringen, sinnlose Versicherungen abzuschließen, damit all die schönen goldenen Dächer regelmäßig mit neuer Goldfarbe angemalt werden können.

Ja, ich weiß… ich bin etwas vom Thema abgeschweift.
Das Gespräch mit Marianne war tatsächlich einer der ersten Lichtblicke, meiner bis zu diesem Zeitpunkt fruchtlosen Bemühungen interessante Kontakte zu knüpfen.
Sie fand mich persönlich sogar so interessant, was natürlich absolut verständlich ist, dass sie mich fragte, ob ich Interesse hätte für Ihre Fernsehshow interviewt zu werden. Natürlich fühlte ich mich gebauchpinselt (noch so ein lustiges deutsches Wort!) und sagte sofort zu.
Außerdem sprachen wir über einen Film, den sie demnächst drehen wollte und für den sie einen Kameramann bräuchte. Sie würde gerade das Skript schreiben und wolle dann im Winter mit den Dreharbeiten beginnen.
Heute, noch nicht ganz drei Jahre nach unserem Gespräch, schlummert das Projekt leider immer noch vor sich hin.
Woran liegt das? – Die Antwort ist relativ einfach.
Viele New Yorker sind wahnsinnig im Stress und jagen dem Geld hinterher, das sie zum Leben brauchen. Gleichzeitig sind sie unglaubliche Träumer, was sicherlich einer der Gründe ist, warum sie überhaupt hier leben. Ja, ich fasse gerade auch an meine eigene Nase…
Fast jeden Tag hoffen sie darauf, jemandem zu begegnen, der ihr Leben so radikal ins Positive verändert oder sie einen Blockbuster (Verkaufsschlager) landen und sie danach keinerlei finanzielle oder persönliche Probleme mehr ins tägliche Auge blicken müssen. Solche Geschichten gibt es tatsächlich, aber sie sind mit Sicherheit ungefähr so häufig, wie ein Sechser im Lotto.
In jedem Fall vermischen sich Wünsche, Überlebenskampf, Stress und Hektik zusammen mit interessanten und spannenden Erlebnissen zu einer Art süchtig machenden Substanz, die ganz offensichtlich das Gehirn so stark vernebelt, dass man keine zusätzlichen Drogen mehr braucht um auch kleinste, furchtbar laute und extrem überteuerte Wohnungen ganz, ganz toll zu finden.
Das wiederum macht dann die Wohnungsbesitzer glücklich, die deshalb alle brav ihre Wasser-, Sturm-, Brand- und „mach den Aufzug beim Einzug nicht kaputt“-Versicherungen in Millionenhöhe bezahlen oder ihren Mieter bezahlen lassen.
Das wiederum zaubert ein glückliches Lächeln auf das Gesicht der Versicherungsmakler, die wiederum ein paar glückliche Handwerker für das Golddächerpolieren bezahlen. Diese laden sich dann ein paar (bezahlte) Filme aus dem Internet herunter und machen dadurch die Filmemacher so richtig glücklich.
So oder so ähnlich funktioniert dieser wunderbar kapitalistische Golddächerpolierkreislauf hier in New York.
Alle sind glücklich und alle haben eine tolle Wohnung… oder zumindest eine tolle Versicherung… die aber leider im Schadenfall nur in den seltensten Fällen irgendetwas bezahlt.
Aber das wollen wir jetzt hier lieber nicht erwähnen, sonst platzt noch dieser rosarote „Only in New York City“-Traum für den einen oder anderen.
Und eigentlich hab’ ich wirklich gar keinen Spaß daran irgendwelche Träume platzen zu lassen. Jetzt echt nicht!
PS: Wer schon auf „Hallo New York“ geklickt hatte, wird bemerkt haben, dass Marianne und ich später noch einige Projekte gemeinsam in die Realität umsetzen werden. Unter anderem mit Ute Lemper und Katarina Witt, was besonders spannend war, wie ich jetzt schon versprechen kann. Pierce Brosnan haben wir auch gemeinsam getroffen. Ja, „James Bond“ persönlich oder ganz früher „Remington Steele“.
Ende von Kapitel 9
Hurricane Sandy - Kapitel 8- Kapitelübersicht -Speed – Omas müssen sterben - Kapitel 10
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Denke nicht, dass nur New York so verrückt ist.
Ganz Amerika muss einen Schlag weg haben.
🙂
New York ist schon verrückter als viele andere (amerikanische) Städte, weil der Überlebenskampf so hart ist. In anderen Städten geht es viel normaler und teilweise fast deutsch zu. Was die meisten gerne vergessen, ein ganz großer Teil der Amerikaner stammt ursprünglich aus Deutschland…