Auf in die Hamptons und nie wieder zurück…

Der Leuchtturm in Montauk

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Kapitel 25

Wir wollten was erleben in New York! Das war ja einer der Gründe hierher zu ziehen.

Nachdem wir jetzt aber schon so einiges erlebt hatten, was uns nur bedingt gefiel, wie zum Beispiel verstopfte Straßen, überfüllte U-Bahnen, lange Warteschlangen, Baulärm und Polizei-Sirenen, menschenüberflutete Konzerte, teure Eintrittskarten und so unendlich weiter, zog es mich immer mehr aus der Stadt.

Durch diverse Badeausflüge wussten wir, dass es außerhalb der City sehr schöne Flecken gab, die einem fast menschenleer vorkamen, wenn man den Trubel mitten in Manhattan gewöhnt war.

Nachdem ich etwas recherchiert hatte, wusste ich wo ich hin wollte.

Erstens in die Hamptons und zweitens nach Montauk. Über die Hamptons hatte ich schon oft in Büchern gelesen. Viele Filme spielen dort, die in der Regel eine sehr entspannte und richtig schöne Gegend am Meer zeigen. Außerdem sollte es unzählige richtig tolle Mansions (große Anwesen) geben, die sogar beim reinen Betrachten viele interessante und spannende Geschichten erzählen. Unser letzter Halt würde dann Montauk sein. Der am weitesten östlich liegende Ort auf Long Island, dieser im wahrsten Sinne des Wortes sehr langen Insel, die in Brooklyn beginnt und dann ungefähr 190 Kilometer weiter an einem schönen Leuchtturm hinter Montauk endet.

Es gab sogar einen Schnellzug mit dem man von der Penn-Station (im Herzen von Manhattan) innerhalb von 2 Stunden dorthin fahren konnte. Das hörte sich verlockend an, allerdings waren die Abfahrtszeiten etwas ungünstig für uns und noch viel schlimmer, aber mal wieder vollkommen normal, die Tickets waren leider für die nächsten zwei Wochen ausgebucht.

Kein Problem dachte ich mir und buchte einen Zip-Car, den wir ja auch sonst oft benutzten. Die Fahrt mit dem Auto würde wahrscheinlich etwas länger dauern, aber laut Google eben nur ein paar Minuten länger. Außerdem konnten wir dann an allen möglichen Stellen halt machen und uns vielleicht noch mehr ansehen als nur den Ort Montauk, die Endhaltestelle des Schnellzugs.

Immer noch in den Sommerferien machten wir uns an einem Freitagmorgen auf den Weg. Oder sagen wir es so… Ich versuchte uns „auf den Weg zu machen“. Wie immer benötigte die Familienkarawane länger als erwartet, um die Wohnung zu verlassen. Geplant war es um kurz nach 8:00 Uhr den Zip-Car abzuholen, dann alle vor dem Haus mit Badegepäck einzuladen, um schön gemütlich und ohne Stress die Fahrt genießen zu können. Ich hatte die Hoffnung, dass an einem frühen Freitag Morgen nicht so viele Menschen die gleiche Idee wie wir haben würden.

Erstens sei hier angemerkt, dass man es sich wirklich gut überlegen sollte, ob man drei Kinder haben muss. Gut eigentlich wollte ich mal vier, aber nach dem Sammeln von etwas „Erfahrung“ war ich eigentlich einigermaßen froh, dass wir im Zeitalter der Empfängnisverhütung leben. Bitte nicht falsch verstehen. Natürlich liebe ich meine Kids, aber Stress und Hektik sind mit diesen charakterlich so unterschiedlichen Erdenbürgern schon sehr, sehr eng verknüpft.

Wir kamen insofern nicht rechtzeitig aus dem Haus. Entweder hat immer einer von ihnen plötzlich noch ein dringendes Bedürfnis zu erledigen oder die zwei anderen streiten sich so heftig, dass wir nur damit beschäftigt sind die Streithähne auseinander zu bringen. Zähne putzen und sich an Ferientagen selbständig anzuziehen, gehörte zu dieser Zeit auch noch nicht zum Freiwilligkeitsprogramm. In jedem Fall saßen wir letztendlich erst um 9:30 Uhr, anstatt wie geplant um 8:00 Uhr, im Mietwagen.

Was dann – und hier kommt das Zweitens – dazu führte, dass die Straßen natürlich schon mit arbeitenden Menschen, Touristen und sonstigem Gedöns verstopft waren. Selbst auf Manhattan war bereits alles komplett verkehrs-dicht. FDR-Drive und Queens Midtown Tunnel waren eine „echte Freude“ für Fans von gepflegten Staus. Richtig schön wurde es aber dann als wir durch Queens hindurch wollten und von einer Baustelle in die nächste fuhren.

Man muss nämlich wissen, dass die Straßen an vielen Stellen in und um New York so schlecht sind, dass man sich ganz ernsthaft und ohne jeden ironischen Unterton fragt, wie das weitergehen soll. Es gibt Brücken, die teilweise nur noch aus Schlaglöchern bestehen und das ganze Jahr über repariert werden. Natürlich staut sich dann der Verkehr, wenn von 8 Spuren nur noch 4 benutzbar sind. Anscheinend hat irgendwie niemand in New York damit gerechnet, dass es sein könnte, dass die vielen Wolkenkratzer dann auch von vielen Menschen mit viel Fortbewegungsdrang bewohnt werden. Egal ob man ein superreicher New Yorker oder ein bettelarmer ist, irgendwann steht garantiert jeder jeden Tag im Stau.

Ja, sogar in der Subway. Da ist es dann eben ein Menschenstau. Und ja, selbst die Super-Super-Reichen mit Hubschrauber-Landeplatz auf dem Dach können mittlerweile schon nicht mehr fliegen wann sie wollen, weil sich darüber dann wieder die aufregen, die den ganzen Fluglärm abbekommen. Egal wie man es dreht und wendet. Mehr Menschen bedeuten einfach mehr Chaos.

Aber wir wollten ja jetzt raus aus dem Chaos, was aber offensichtlich nur ging, wenn man sich erstmal rein ins Verkehrs-Chaos stürzte. Nach nur einer Stunde waren wir dann durch und der Verkehr lief wieder flüssiger. Jetzt waren es nur noch knapp über 2 Stunden bis zu unserem ersehnten Ziel.

Schön war, dass der Long Island Expressway mehrspurig ausgebaut und der Belag von hervorragender Qualität ist. Leider sah man hier nur sehr wenig von Long Island. Die Straße hätte genauso gut irgendeine Autobahn in Deutschland sein können. Aber egal, wir freuten uns trotzdem auf das Ziel, wenn es auch noch ein Stück weit weg war.

Gut, Rafael freute sich nicht ganz so sehr wie der Rest der Familie, weil er schon immer prinzipiell keinerlei Affinität zu langem Sitzen zeigte, es sei denn gemütlich vor dem Fernseher mit zwei bis drei Tüten Chips, etwas Obst und jemand der ihm den Rücken massiert. Er ist trotzdem ein lieber Kerl, aber auf Reisen eben nicht unbedingt sehr pflegeleicht. Auf Flugreisen würfeln wir immer um den Platz neben ihm, aber das wäre jetzt eine andere Geschichte… 😉

Ca. 30 Minuten vor dem Erreichen des Ziels verließen wir dann die mehrspurigen Strassen und bekamen endlich etwas von Land und Leuten mit. Ab Southampton sahen wir viele pittoreske Häuschen und jauchzten fast vor Freude bei jedem Fachwerkhaus, das sich uns am Straßenrand darbot.

Waren wir nicht in die große Stadt gezogen, weil da alles so schön spannend und GROß-artig war? Jetzt fuhren wir durch verschlafene Dörfer mit Bauernhäuschen und hatten Gefühle, die mich persönlich an das händchenhaltende Fahrradfahren mit meiner allerersten „richtigen“ Freundin erinnerten.

Konnte es sein, dass Ruhe und Entspannung auch wichtige Dinge im Leben eines Menschen sein können, der ansonsten glaubte Trubel und Hektik zu lieben? Oder war das alles nur ein weiterer wichtiger Erkenntnis-Schritt auf dem Weg zu meiner vollkommenen Glückseligkeit?

Ich wusste es nicht, aber ich hatte urplötzlich das Gefühl, dass man hier auch sehr gut leben könnte. Wir sahen alles, was man fürs Leben wirklich brauchte. Das heißt Tennisplätze und das Meer, das überall nur einen echten Katzensprung entfernt war.

Oh mein lieber Herr Gesangsverein mit dem Ehrenvorsitzenden Frankyboy Sinatra. Was hattest Du mir da nur ins Unterbewusstsein gesungen? Hey, hier draußen war es so wunderschön und so leer und so idyllisch und alles so nahe zusammen. Warum sollte man ernsthaft in einer Stadt wohnen, die niemals schläft und einen niemals schlafen lässt?

Kurz vor der nächsten roten Ampel poppte ich wieder in die Realität zurück. Ich hatte schon von den horrenden Immobilienpreisen in den Hamptons gehört und außerdem gingen wir gerne auf Konzerte und in Ausstellungen, von denen es hier draußen sicherlich nicht so viele gab wie in New York.

Warum verdammt noch mal kann man nicht alles an einem Fleck haben? Oder vielleicht kann man es doch haben, aber wir haben den Ort einfach noch nicht gefunden, dachte ich.

In jedem Fall näherten wir uns dem Ziel unserer Reise. Dem Leuchtturm von Montauk. Je näher wir kamen umso weniger Häuser gab es. Auf den letzten Kilometern, waren gar keine Häuser mehr und die Gegend fühlte sich so einsam an, dass ich darüber nachdachte, ob wir wohl das Ende der Welt erreicht hätten.

Lustigerweise fühlte sich das aber alles so gut an! Was war nur los mit mir? Hatte meine Traumstadt New York City tatsächlich jetzt schon aufgehört traumhaft zu sein?

Wir erreichten den Leuchtturm, der irgendwie unheimlich toll aussah. Ein einzelner Leuchtturm gab mir so gute Gefühle. Verflixt und zugenäht!

Kris mit Leuchtturm
Kris mit Leuchtturm

Wir parkten auf dem großen Parkplatz vor dem einzigen Restaurant weit und breit, dem Lighthouse Grill und aßen dort erstmal zu Mittag. Eines unserer Familienmitglieder war darüber so glücklich, wie ich darüber, diesen schönen Flecken Erde zu sehen.

War es vielleicht wirklich so, dass wir erst durch die Abwesenheit von Dingen ihre Schönheit erkennen konnten? Oder war es einfach nur so, dass unser Gehirn uns nur dann richtig gute Gefühle verschafft, wenn wir einfach etwas ganz anderes tun, als das, was wir normalerweise tun?

In jedem Fall kam dann das Essen und alle existentialistischen Gedanken verflogen mit dem ersten Bissen. Wir hatten eine wundervolle Aussicht auf das Meer und obwohl es mitten im August war, fühlte es sich wie warmer Frühling an.

Essen mit Aussicht
Essen mit Aussicht

Wir erkundeten die Gegend rund um den Leuchtturm und hatten alle zusammen richtig Spaß. Direkt unter dem Leuchtturm konnte man auf einer Art Steinwall entlang laufen, was den Indiana Jones in der ganzen Familie erweckte. Wir gingen immer weiter, entdeckten allerlei interessante Dinge, wie zum Beispiel Holzstücke, die bestimmt von der Andrea Doria, dem Schiff von Christopher Kolumbus stammten, verzauberte Muscheln und einen toten, ziemlich großen Krebs. Selbst die Steine, die wir am Strand fanden, schienen irgendwie ganz besonders zu sein. Wie kleine Kinder hoben wir alles auf, drehten alles um und genossen das himmlische Rauschen des Meeres. Alles war einfach sooooo schön!

Der ideale Ort für einen Rosamunde Pilcher Roman… 😉

Ich wollte hier für immer bleiben, aber… wir hatten uns ja eigentlich vorgenommen noch ein wenig die Gegend zu erkunden. Nachdem wir jede Menge verzauberter Gegenstände, wie Steine und Holzstücke in unserem Auto verstaut hatten und eines unserer Kinder, dessen Namen mit R beginnt, schon wieder leichte Gelüste auf Essbares verspürte, entfernten wir uns wehmütig mit unserer schwarzmetallicfarbenen Blechkutsche vom Ort der holden Glückseligkeit.

Unser Plan war es jetzt einen Strand mit Imbissbude zu finden und vielleicht noch ein wenig zu baden. Wir fuhren ein paar wenige Kilometer zurück nach Montauk und orientierten uns Richtung Meer. Auch hier gefielen uns die kleinen Häuschen, die wir sahen und ganz besonders auch der Strand, den wir dann entdeckten.

Der Sand war perfekt und der Strand angenehm un-voll. Wir mussten auch keine Bändchen anziehen um ins Wasser zu gehen. Schon gar niemand warf nach 45 Minuten eine Sirene an und verscheuchte uns aus dem Wasser. Es gab ein paar Wellenreiter und ein paar Standup-Paddler, das sind die Leute, die auf einem übergroßen Surfboard stehen und sich dabei mit einem Paddel fortbewegen. Auch hier gefiel es uns so gut, dass Kris und ich uns fragten, ob in dieser Gegend nicht vielleicht doch irgendjemand irgendwelche Glücklichmacher in der Luft verteilt hatte.

Es gibt ja wirklich Menschen, die an sogenannte Chemtrails glauben, die aber eher die gegenteilige Wirkung haben sollen.

Der Strand in Montauk
Der Strand in Montauk

Die Surfer
Die Surfer

Stand-Up Paddler
Stand-Up Paddler

Nach einer sehr schönen weiteren Rosamunde Pilcher Gedächtniszeit am Strand machten wir uns dann irgendwann auf den Rückweg in die überfüllte Großstadt meiner Träume.

Zuerst gab es aber noch ein Eis in einem sehr süßen Organic-Ice-Shop namens „Naturally Good Foods & Cafe“. Was für ein toller Name! Alles war irgendwie supertoll hier…

Wir aßen unser Eis und hatten noch eine witzige Unterhaltung mit einem Biker mit Wikingerhut und zwei süßen Hunden auf seinem Motorrad.

Wikinger mit Hunden
Wikinger mit Hunden

So ein schöner, verzauberter Tag… der dann auf der Heimfahrt durch einen nicht minder wunderschönen Blechlawinenameisenstau abrupt beendet wurde. Die Realität hatte uns wieder!

Sinnbildlich kam mir der Morgen dieses Tages wie eine „schwere Geburt“ vor. Zuerst mussten wir durch den dichtesten und stinkendsten Verkehr, bis wir dann nach einer langen Niederkunft, das unendlich göttliche Licht der schönen Hamptons-Welt erblickten.

Und auf dem Heimweg… gab es wirklich so viele Ameisen, die abends wieder die Zeit rückwärts drehen und zurück in die laute und stinkende Stadt wollten? Ja, es gab sie offensichtlich – und wir waren nur fünf davon.

Als wir irgendwann erschöpft zu Hause ankamen, stellte ich mir zum allerersten Mal die Frage, was ich nur getan hatte?!

Moon over Montauk Lighthouse
Moon over Montauk Lighthouse

PS: Mit diesem „leicht veränderten“ Bild habe ich dann nach unserer Rückkehr einen Long Island Fotowettbewerb gewonnen und immerhin einen $50 Tankgutschein… 😉 – wenigstens ist der Sprit in den USA und sogar in New York immer viel günstiger als in Deutschland! Er kostet ungefähr 1/3 vom deutschen Preis.

Ende von Kapitel 25


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4 Kommentar

  1. Hallo Wolfgang,
    wieder wunderschöne Bilder!
    Ich war zwar noch nicht auf den Hamptons, aber in New York City und meine erste Erinnerung daran sind die Polizei-/Feuerwehrsirenen zu jeder Tages- und Nachtzeit; es ist einfach schrecklich laut und hektisch!
    Aber Du wohnst ja mittlerweile in meiner absoluten Lieblings-Stadt Miami und da geht es gaaaaanz anders zu! ;.-)
    Schreibst Du darüber auch mal? Würde mich freuen!
    Gruß Ulla

    • Hallo Ulla,
      Danke für die Blumen… 😉
      Ja, wo wir jetzt wohnen, ist es schon viel ruhiger, sonniger und familienfreundlicher.
      Aber, es gibt ja immer zwei Seiten jeder Medaille. Tatsächlich habe ich auch schon angefangen, die Kapitel für „Miami“ aufzuschreiben… 😉
      Sobald ich mit New York fertig bin, geht’s los!
      LG
      Wolfgang

  2. Hallo Wolfgang,
    „Als wir irgendwann erschöpft zu Hause ankamen, stellte ich mir zum allerersten Mal die Frage, was ich nur getan hatte?!“
    Lieber neugierig Erfahrungen sammeln, als den Träumen hinterher trauern. Es wäre alles einfacher zu entscheiden und zu leben, wenn es finanziell nicht so große Konsequenzen hätte. Und ja, man muss wohl auch ein wenig verrückt sein, um so ein Ding mit Familie durchzuziehen.
    Ich bin weiter gespannt und freue mich auf neue Kapitel und dann auch noch irgendwann mal Miami, yeah.
    Viele Grüße, Michaela

    • Danke Michaela! Du hast schon Recht, wenn ich das NYC-Abenteuer nicht gewagt hätte, würde ich mir das wahrscheinlich bis an mein Lebensende in ca. 200 Jahren vorwerfen… Ich hoffe, die Pille, die mich wieder jung macht, damit ich die 200 Jahre hin bekomme, wird bald erfunden… 😉

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